Europäische Autoindustrie: «Viel tiefer runter geht's nimmer»

Der europäischen Autoindustrie geht es schlecht. Immerhin: Die Talsohle dürfte erreicht sein, sagt Autowirtschaftsexperte Ferdinand Dudenhöffer. Klar ist aber auch: So wie vorher wird es nicht mehr sein. Auch, weil chinesische Investoren zunehmend eine wichtige Rolle spielen.

Zwei Präsentatoren ziehen die violette Sichtschutz-Plane von einem neuen Modell des Qoros anlässlich seiner erstmaligen Präsentation am Genfer Automobilsalon im Frühjahr 2013. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der chinesische «Qoros» – hier in Genf – wird Schritt für Schritt den europäischen Kunden in seinen Bann ziehen. Keystone

30 Prozent soll der Anteil betragen, den der chinesische Autohersteller «Dong Feng» am französischen Peugeot-Konzern PSA übernimmt. Was klingt wie der bittere Ausverkauf abendländischer Auto-Ingenieurs-Kunst, ist eine Chance. Für die europäische Automobilindustrie, und für die Chinesen sowieso.

Diese Meinung vertritt der deutsche Autowirtschafts-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft der Universität Duisburg-Essen sieht dem Eindringen asiatischer Mitbewerber auf dem internationalen Automobilmarkt unaufgeregt entgegen.

«  Auch für andere Autobauer in Europa wäre es nicht schlecht, chinesische Anteilseigner im Boot zu haben. »

Ferdinand Dudenhöffer
Professor für Automobilwirtschaft, Uni Duisburg-Essen

«Das Schema von Übernahmen europäischer Hersteller durch chinesische Anteilseigner wird sich auf alle Fälle wiederholen», sagt Dudenhöffer im Interview mit SRF News Online. Schlecht sei das nicht zwingend. «Für Peugeot ist das positiv», konkretisiert Dudenhöffer am Beispiel des jüngsten asiatischen Coups auf dem europäischen Automarkt. Der angeschlagene Konzern kommt so an frisches Kapital und kann sich stabilisieren.

«Auch für andere Autobauer in Europa wäre es nicht schlecht, chinesische Anteilseigner im Boot zu haben», so Dudenhöffer weiter. Dass es die Chinesen nicht böse mit uns meinten, hätten sie bereits bei den Zulieferern bewiesen.

Asiatische Mitbewerber haben europäische Zulieferer-Unternehmen aufgekauft, die über ein grosses Knowhow verfügen. Sie profitieren so für die Ausgestaltung von Entwicklungs- und Produktionsprozessen innerhalb ihrer eigenen Automobilindustrie. «Es würde für sie aber keinen Sinn machen, diese Firmen hier zu schliessen und sie in China wieder aufzumachen», relativiert Dudenhöffer das chinesische Engagement.

Win-Win-Situation ist möglich

Dennoch: Es wäre blauäugig anzunehmen, die asiatischen Mitbewerber verfolgten keine nationalökonomischen Absichten. Mit viel staatlicher Subvention haben die Chinesen im Frühjahr in Genf ihre Antwort auf europäische Premium-Modelle präsentiert. Der «Qoros» beispielsweise ist in Europa noch nicht auf dem Markt, aber er hat alle erforderlichen qualitativen Tests überstanden. Auch für Dudenhöffer steht fest: Der europäische Kunde ist bereit für chinesische Autos.

Portrait von Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für den Wirtschaftsexperten Dudenhöffer können asiatische Investoren für Europa durchaus positiv wirken. Reuters

Mittelfristig wird sich der Druck auf die europäische Industrie durch das Auftreten der Chinesen verstärken. Und das müsse nicht zwingend bloss negative Folgen für die europäischen Anbieter haben.

Es sei auch möglich, dass die europäischen Entwicklungs- und Produktionsabteilungen dank den chinesischen Investitionen ihren Wettbewerbsvorsprung im internationalen Markt halten könnten, sagt Dudenhöffer. Eine klassische Win-Win-Situation.

Branche auf dem Aufwärtsweg

Der Weg dahin ist aber laut Dudenhöffer lang und steinig. Die europäische Autoindustrie ist seiner Ansicht nach auf ihrem Krisenweg in der Talsohle angekommen. «Viel tiefer runter geht's nimmer», umschreibt der Wirtschaftsexperte die Situation. Der Vorteil dieser Lage: von nun an kann es nur noch aufwärts gehen.

Dudenhöffer sieht Anzeichen, dass die Anpassungsmassnahmen der Branche im vergangenen Jahr Früchte tragen. Grosse Hersteller im europäischen Markt reagierten mit Werkschliessungen (Ford), Entlassungen (Peugeot), Arbeitnehmervereinbarungen (Fiat) und Lohnverzichten (Renault). Dadurch seien Überkapazitäten – zum Teil auch an staatlichen Rettungsschirmen – der tatsächlichen Nachfrage angepasst worden, sagt Dudenhöffer.

Dennoch: Das Ende der Anstrengungen der Branche sind noch nicht abzusehen. «Wir werden das ürsprüngliche Volumen von vor der Krise nur sehr langsam wieder erreichen», relativiert Dudenhöffer seinen grundsätzlichen Optimismus. Branchenkenner rechnen damit, dass die europäischen Autobauer erst im Jahr 2020 wieder auf einem Volumen wie 2000 ankommen werden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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