Genossenschaften funktionieren auch in der Gegenwart

Wie viel von der Genossenschaftsidee steckt bei Raiffeisen, Mobiliar, Coop oder Migros noch drin? In ihren jeweiligen Branchen sind sie grosse, wenn nicht gar dominante Player. Doch was unterscheidet sie noch von Aktiengesellschaften?

Eine ältere Dame betritt eine Migros-Filiale. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Genossenschaftsmodell ist für die Migros kein alter Zopf. Keystone

Die Migros ist ein Konzern mit über 100'000 Mitarbeitern und mehr als 27 Milliarden Franken Umsatz. Gleichzeitig ist sie die grösste Genossenschaft der Schweiz.

Migros-Chef Herbert Bolliger sieht in der Rechtsform den Erfolg des Detailhändlers: «Es ist ein Schlüsselfaktor, denke ich. Die Migros gehört zwei Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern.» Es handelt sich um Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter. Ihnen gehört die Migros. Grundsätzlich funktionieren Genossenschaften immer noch basisdemokratisch.

Doch geht es darum, zu entscheiden, welche Online-Plattform der orange Riese aufkauft oder wo neue Läden eröffnet werden sollen, entscheidet trotzdem alleine das Management. Dass Genossenschaften ein unabhängiges Management haben, sei nötig, sagt Unternehmer und Rechtsprofessor Franco Taisch. «Die Genossenschaften stehen genau gleich wie alle anderen Unternehmen im Markt drin.» Sie müssen also konkurrenzfähig sein, erklärt Taisch, der auch Verwaltungsrat der Genossenschaftsbank Raiffeisen ist.

Von der Selbsthilfe zum Grosskonzern

Ein Management mit entsprechenden Kompetenzen sei nötig: «Wenn Sie geschichtlich zurückgehen, dann haben kleine Genossenschaften so begonnen, dass vielleicht dreissig Leute ein Bedürfnis hatten, und gesagt haben, das versuchen wir zusammen in Selbsthilfe zu lösen. Da hat man in der Tat zu jeder Frage eine Vollversammlung gemacht.» Das sei im heutigen Wirtschaftsleben nicht möglich. Es sei nicht zielführend und auch nicht nachhaltig.

Nachhaltig sei, wenn die Führungscrew einen klaren Auftrag und die Entscheidungshoheit hat, zum Beispiel bei Firmenübernahmen, Risikomanagement, Markenführung. Das tönt schon sehr nach börsenkotierter Unternehmung. Diesen Vergleich scheut der Migros-Chef Bolliger nicht. «Wir sind unseren Genossenschaftern gegenüber verantwortlich für unser Tun. Wir müssen Rechenschaft ablegen wie eine Aktiengesellschaft ihren Aktionären. Wir haben die gleichen Aufsichtsstrukturen, sei es mit dem Verwaltungsrat und mit der Delegiertenversammlung, die wie eine Aktionärsversammlung funktioniert.» Die Migros erfülle alle Regeln wie eine börsenkotierte Firma

Keine Dividenden und kein Druck von Hedgefonds

Die heutigen grossen Genossenschaften gleichen sich den Aktiengesellschaften an. Bolliger betont die noch bestehenden Unterschiede. «Wir zahlen keine Dividenden. Wir werden auch nicht unter Druck gesetzt von irgendwelchen Hedge-Fonds.»

Entsprechend sind Unternehmensentscheide immer auf mehrere Zielgruppen, sogenannte Stakeholder, ausgerichtet. Das sind Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden. Das sei ein zentrales Unterscheidungsmerkmal für Genossenschaften, betont Unternehmer und Forscher Taisch.

Er beobachtet gar eine Gegenbewegung in der Unternehmenslandschaft. «Interessant ist, dass die aktiengesellschaftliche Plattform beginnt, gewisse Aspekte aufzunehmen. Beispielsweise sprechen heute verschiedene grosse Aktiengesellschaften von einem Shared Value. »

Shared Value bedeutet, dass nicht nur die Besitzer, also die Aktionäre, im Fokus stehen, sondern eben auch andere Stakeholder wie bei den Genossenschaften. Das Erfolgsmodell in moderner Form mit wirtschaftlicher Ausrichtung wird also kopiert.