Stimme vom SEF «Grossbritannien wird ärmer und provinzieller werden»

Historiker und Bestseller-Autor Timothy Garton Ash über den Brexit und die Folgen für Grossbritannien.

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Bildlegende: Der renommierte Historiker Timothy Garton Ash bezeichnet sich selber als «englischen Europäer». Er lehrt in Oxford. Keystone

SRF: Sie haben den Brexit nach der Abstimmung als Ihre grösste Niederlage bezeichnet. Sehen Sie das heute, fast ein Jahr später, immer noch so?

Timothy Garton Ash: Genauso, wenn nicht mehr. Ich glaube, es ist eine Tragödie für Grossbritannien. Und auch für Europa. Die negativen Folgen werden über Jahre hinaus sichtbar werden. Es wird zwar nicht den schnellen wirtschaftlichen Kollaps geben, aber Grossbritannien wird ärmer, kleiner, auch kleinkarierter und provinzieller werden. Das bedrückt mich.

Sie haben die Niederlage also noch nicht verdaut?

Was heisst verdauen? Die Niederlage ist da, ich bin Realist. Aber es bleibt die Traurigkeit und die Einsicht. Und nichts, was Theresa May gemacht hat, macht die Sache besser. Im Gegenteil, sie macht es schlimmer.

Warum werden wir den Schatten des Brexit erst in ein paar Jahren sehen?

Die Premierministerin sagt, Brexit bedeute Brexit. Aber bis heute weiss kein Mensch, was der Brexit wirklich bedeutet. Das werden wir erst in drei oder fünf Jahren wissen. Im Moment wird erst ums Ausscheiden aus der EU verhandelt. Es geht noch nicht um ein neues Freihandelsabkommen. Erst wenn es darum geht, werden beispielsweise die grossen Investoren, die grossen Firmen sich entscheiden, ob sie weiterhin in Grossbritannien investieren wollen oder nicht.

Sie plädieren für einen weichen Brexit, Grossbritannien soll möglichst nah an der EU bleiben. Wieso war diese Idee so schnell vom Tisch?

Die ist nicht vom Tisch. Im Moment gilt bei den Konservativen noch immer der berühmte Satz des britischen Aussenministers Boris Johnson: Ich möchte den Kuchen haben und ihn auch essen. Das wird so natürlich nicht gehen. Wir müssen unseren Weg erst noch finden.

Ich plädiere dafür, dass Grossbritannien und die EU so enge Beziehungen wie nur möglich pflegen. Beispielsweise in der Aussen- und Sicherheitspolitik. Wollen die Verantwortlichen wirklich das ganze Gewicht der britischen Diplomatie, der Streitkräfte und die weltpolitische Erfahrung einfach rausschmeissen aus der EU? Oder will man nicht versuchen, das Ganze noch mit der europäischen Aussen- und Sicherheitspolitik zu verknüpfen?

«  Auf dem Kontinent spüre ich bezüglich des Brexits nicht nur Trauer, sondern viel Wut, gerade auch in Deutschland.  »

Timothy Garton Ash
Historiker und Besteller-Autor

In einem Interview haben Sie kürzlich gesagt, es werde trotzdem nicht zur Katastrophe kommen in Grossbritannien. Wie erklären Sie sich, dass dies Politiker und Medien in der EU fast unisono diametral anders sehen?

Definieren Sie bitte Katastrophe. Mit Katastrophe meine ich eine grosse Rezession, einen Zusammenbruch. Für mich ist es kulturell und politisch schon eine Katastrophe. Aber wir haben nicht plötzlich 10 Millionen Arbeitslose. Auf dem Kontinent spüre ich bezüglich des Brexits nicht nur Trauer, sondern viel Wut, gerade auch in Deutschland. Es ist fast das Gefühl, ihr habt uns nicht nur verlassen, ihr habt uns verraten. Das war ein Dolchstoss. Aber ich hoffe, beide Seiten werden auch langfristig denken und merken, dass sie sich weiterhin brauchen.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.