Kapital statt Rente ...und am Schluss zahlt der Staat

Rente oder Kapital? Für die Pensionskassen ist es von Vorteil, wenn den Pensionierten das Kapital ausbezahlt wird. Für den Steuerzahler ist es das oft nicht.

Die Zinsen sind rekordtief. Und sie werden es voraussichtlich auch noch länger bleiben. Im Pensionskassengeschäft funktioniert der Zins deshalb nur noch mangelhaft als dritter Beitragszahler, neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Dazu kommt, dass wir alle immer länger leben. Die angesparten Pensionskassengelder müssen also länger reichen.

In diesem Umfeld wird es für viele Pensionskassen zusehends ungemütlich. Sie verdienen zu wenig, um versprochene, beziehungsweise garantierte Leistungen zu finanzieren, und drohen in Schieflage zu geraten.

Renten kosten mehr

Für Pensionskassen ist deshalb die Rechnung schnell gemacht, sagt Martin Janssen, Finanzprofessor an der Universität Zürich: «Es ist für die Pensionskasse viel günstiger, das Kapital auszuzahlen als zu einem stark überhöhten Umwandlungssatz Rentenleistungen zu leisten.»

Im Durchschnitt subventionieren Pensionskassen ihre Versicherten, die Renten beziehen, mit mehreren zehntausend Franken. Ob dieser hohen Summen verblasst vielerorts der Solidaritätsgedanke, der hinter der 2. Säule steht, bedauert Pensionskassen-Spezialist Werner C. Hug: «Die zweite Säule ist eine Solidargemeinschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von Rentnern und Aktiven, von hohen Löhnen und niedrigen Löhnen, von Ledigen und Verheirateten. Wenn man das Prinzip der Solidarität aufgibt, dann kann man einfach eine Lebensversicherung kaufen oder Banksparen machen.»

Reglemente bereits angepasst

Der Trend geht vielerorts genau in diese Richtung – die Idee des kollektiven Sparens im Rahmen der beruflichen Vorsorge wird damit auf den Kopf gestellt. Noch zögern Pensionskassen, ihre Versicherten beim Eintritt ins Rentenalter aktiv zum Kapital-Bezug zu bewegen. Aber viele präsentieren ihnen diese Möglichkeit immerhin als attraktive Option. Und es gibt bereits erste Pensionskassen, die ihre Reglemente so angepasst haben, dass die Versicherten zumindest einen Teil der angesparten Gelder als Kapital beziehen müssen. Dazu gehören die Vorsorgeeinrichtungen von Tamedia und IBM.

«Insbesondere börsenkotierte Gesellschaften stehen unter Druck, diese Verpflichtungen über die Rentenzahlungen loszuwerden. Das beeinflusst die Erfolgsrechnung direkt», sagt Hug. Pensionierte, die ihr Kapital beziehen, entlasten die Pensionskasse, beziehungsweise das Unternehmen, das dahinter steht.

Lohnendes Geschäft für die Banken

Falls die Kapitalbezüger ihr Geld nicht verprassen, sondern gut und sicher anlegen und über Jahre anständige Renditen erzielen, ist dies umso besser. Banken und Versicherungen sind gerne behilflich, denn für sie ist es ein lohnendes Geschäft.

Der Risiko-Transfer von der Pensionskasse zu den Versicherten gelingt allerdings längst nicht immer, sagt Martin Janssen. Die Gefahr, dass die Leute das Geld selbst nicht so gewinnbringend anlegen können wie die Pensionskassen, bestehe natürlich, sagt er. «In der Folge stehen sie im Alter ohne Geld da. Dann kommt das Sozialsystem zum Zug und muss diese Leute unterstützen. Das ist auch keine Lösung.»

Wer seine Pensionskasse vorzeitig aufgebraucht hat, erhält Ergänzungsleistungen. Diese werden aus Steuermitteln finanziert. Das heisst: Am Schluss tragen Steuerzahler das Finanzierungsrisiko, falls Pensionierten das Geld ausgeht, weil sie sich für Kapital statt Rente entschieden haben.

(fasc)

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel