«Knapp die Hälfte der Hotels in Tunesien sind geschlossen»

Diesen Sommer bleiben die Strände Tunesiens wohl leer: Zu unsicher scheint vielen Touristen die Lage, zu lebendig sind die Erinnerungen an mehrere blutige Anschläge. Nun hofft das Land auf den russischen Markt, wie Journalistin Annette Steinich erklärt.

Blick auf leere Liegestühle an einem tunesischen Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gähnende Leere: Badetouristen meiden tunesische Strände. Keystone

Nach den blutigen Anschlägen im vergangenen Jahr auf das Bardo-Museum in Tunis (März), ein Hotel in Sousse (Juni) und die Präsidialgarde (November) meiden Touristen Tunesien. Das Geschäft ist regelrecht eingebrochen. Die Folgen für das Land erklärt Annette Steinich, die für die NZZ aus Tunis berichtet.

Gespräch mit NZZ-Korrespondentin Annette Steinich

3:49 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.05.2016

SRF News: Wo zeigt sich der Einbruch im Tourismus?

Annette Steinich: Von den knapp 600 Hotels im Land sind in dieser Saison etwa 270 geschlossen, also knapp die Hälfte. In manchen Touristen-Zentren bleiben sogar 70 Prozent der Hotels geschlossen.

Es sind also auch deutlich weniger Touristen im Land zu sehen?

Ja, in den Touristen-Zonen sind die Strände und Hotel-Anlagen auffallend leer. Die Zahl der Übernachtungen ist im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent zurückgegangen. Grosse Reise-Agenturen wie beispielsweise Thomas Cook haben Tunesien bis mindestens diesen Oktober ganz aus ihrem Programm genommen.

Schlägt sich das nieder in einer steigenden Arbeitslosigkeit?

Vor der tunesischen Revolution haben etwa 400'000 Menschen in der Tourismus-Branche gearbeitet, und etwa zwei Millionen Menschen haben indirekt davon gelebt. Inzwischen ist die Arbeitslosenquote auf über 15 Prozent gestiegen, in manchen Regionen sogar auf 50 Prozent. Betroffen sind vor allem Jugendliche: Von fünf Jugendlichen haben zwei keine Arbeit.

«  Die tunesische Regierung hat viel in die Sicherheit investiert, besonders in Tourismus-Zonen. »

In Ägypten, wo das Geschäft ebenfalls am Boden liegt, hat die Regierung ein Programm lanciert, um den Tourismus anzukurbeln. Gibt es in Tunesien auch solche Pläne?

Die tunesische Regierung bemüht sich sehr darum, der Wirtschaft zu einem Aufschwung zu verhelfen. Vor allem hat sie viel in die Sicherheit investiert, besonders in Tourismus-Zonen.

Es gibt auch eine Strategie des Tourismus-Ministeriums: Der Tourismus soll diversifiziert werden – weg vom Massen-Tourismus, hin zum Öko-Tourismus. Man arbeitet an der Qualität und an der «Marke Tunesien».

Mit Erfolg?

Man bemüht sich, neue Märkte zu erschliessen. Die Tourismus-Ministerin war zum Beispiel in Russland. Und die Zahl der Touristen aus Russland ist tatsächlich gestiegen. Auch dank sechs neuen Direktflügen von Russland nach Tunesien. Die Branche hofft jetzt sehr auf das Geschäft mit russischen Touristen.

«  Die Branche hofft jetzt sehr auf das Geschäft mit russischen Touristen. »

Fazit: In Tunesien hat zwar die Demokratie gewonnen, aber der wirtschaftliche Aufschwung bleibt aus?

Ja, die Demokratie hat auf jeden Fall gewonnen. Tunesien ist ein Rechtsstaat, es gab freie Wahlen, eine frei gewählte Regierung. Die Regierung ist aber mit Blick auf Reformen zögerlich, auch im Tourismus. Da wünschen sich manche mehr Entschlossenheit.

Es gibt aber auch gute private Anstrengungen: kleine Hotels oder Initiativen im Kultur-Tourismus. Es gibt hier auch eine lebendige Start-up-Szene von jungen Unternehmensgründern. Insgesamt hat das Land viel zu bieten.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.