Kritik an Lidl wegen Grenzgängern aus Osteuropa

Lidl hat seine Logistik neu aufgestellt und vergibt Aufträge unter anderem an ein Transportunternehmen, das mehrheitlich mit Grenzgängern aus der Slowakei arbeitet. Diese kehren weniger häufig in ihre Heimat zurück, als sie dies müssten.

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Bildlegende: Markteintritt 2009: Der deutsche Discounter Lidl betreibt inzwischen mehr als 100 Filialen in der Schweiz. Keystone

«Im internationalen Verkehr haben wir heute schon ein Schlachtfeld, in der Schweiz wollen wir das nicht auch noch», sagt Hans-Peter Dreier, Geschäftsführer des gleichnamigen Aargauer Transport-Unternehmens. Auf europäischen Strassen seien Chauffeure mit Monatslöhnen von 800 Euro unterwegs. In der Schweiz hat Dreier mit dem deutschen Discounter Lidl jüngst einen wichtigen Kunden verloren, weil er preislich nicht mit der Konkurrenz mithalten konnte.

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Bildlegende: «Hätten Löhne um bis zu 1500 Franken nach unten anpassen müssen.» Hans-Peter Dreiers LKWs fahren nicht mehr für Lidl. SRF

Dreier hatte für Lidl jahrelang Filialen in der Westschweiz versorgt. Im Frühsommer eröffnete Lidl sein zweites Verteilzentrum in Sévaz, stellte die Logistik neu auf, vergab neue Transportaufträge mittels Ausschreibungen. Dabei mussten Bewerber detailliert jeden Kostenpunkt ausweisen.

Hans-Peter Dreier wurde nicht mehr berücksichtigt. An der Qualität könne es nicht gelegen haben, sagt er, «wir haben es ja davor sieben Jahre lang gemacht». Es sei eine reine Preisfrage gewesen. «Wir hätten die Löhne unserer Chauffeure im Monat um bis zu 1500 Franken nach unten anpassen müssen.»

Sechs Tage Arbeit, ein Tag frei, sechs Tage Arbeit

In die Kränze kamen andere, etwa das Thurgauer Transportunternehmen Thurtrans. Dort lägen die Löhne weit unter dem Schweizer Durchschnittslohn von 5200 Franken, kritisiert David Piras, Generalsekretär des Berufsverbands Les Routiers Suisses: «Wenn man es genau anschaut, kommt man auf 3500 Franken im Monat».

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Bildlegende: «Löhne von 3500 Franken im Monat» – David Piras von Les Routiers Suisses kritisiert Thurtrans. SRF

Piras hat Thurtrans im August besucht und Einblick in die Lohnabrechnungen erhalten. Dass Thurtrans in einem Markt, in dem ein Chauffeur-Mangel herrscht, tiefe Löhne zahlen könne, erklärt Piras damit, dass mehr als die Hälfte der Thurtrans-Chauffeure Grenzgänger seien – jedoch nicht aus Nachbarländern, sondern aus der Slowakei. Das ist legal. Doch entgegen den Weisungen für Grenzgänger kehren sie laut Piras nicht jede Woche heim, sondern arbeiten sechs Tage am Stück – und nach einem Tag Pause nochmals sechs Tage. Erst dann fahren sie für eine Woche zurück in die Slowakei.

Dieser Einsatz-Rhythmus dürfte im Interesse der Chauffeure liegen, sie können so länger am Stück in der Heimat bleiben. Sicherlich ist der Sechs-Tage-Rhythmus ein Wettbewerbsvorteil für Thurtrans, da Geschäfte in der Regel auch sechs Tage am Stück geöffnet ist.

Transporteur rechnet anders

Thurtrans bestreitet die Angaben von Gewerkschafter Piras. Der tiefste monatliche Brutto-Lohn liege bei 5470 Franken. Darin enthalten sind laut Thurtrans allerdings hohe Spesen und ein Betrag fürs Wohnen, da die Grenzgänger nicht täglich in die Slowakei zurückkehren. Solche Positionen im Brutto-Lohn auszuweisen, sei unüblich, sagen mehrere Arbeitsrechts-Experten gegenüber «ECO».

Ihre Argumentation: Spesen seien nicht Teil des Brutto-Lohns, und das Wohnen könne man den Arbeitnehmern nicht in Rechnung stellen, da sie zur Ausübung ihrer Arbeit eine Unterkunft in der Schweiz bräuchten, zumal sie nicht täglich in ihre eigene Wohnung in der Slowakei zurückkehren können.

Auch Migros fährt mit Thurtrans

Lidl schreibt zum Vorwurf, die Chauffeure kehrten nicht weisungsgemäss in die Heimat zurück: «Die Kontrolle der Einhaltung der Arbeitsmarktvorschriften und der Gesetzgebungen rund um die Personenfreizügigkeit obliegt den kantonalen Arbeitsinspektoraten und nicht den auftragsvergebenden Unternehmen». Lidl fordere aber mittels Frachtvertrag stets die Einhaltung sämtlicher Vorschriften und Gesetze.

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Grenzgänger «von weit her»

Mehr als 350‘000 Grenzgänger arbeiten in der Schweiz – vor allem aus Frankreich, Italien und Deutschland. Fast 15‘000 Grenzgänger stammen aus Nicht-Nachbarländern, sie kommen etwa aus Osteuropa, Skandinavien oder Grossbritannien. Ihre Zahl hat sich seit 2008 mehr als verdoppelt: von 6736 auf heute 14‘569 Grenzgänger.

Quelle: SEM

Thurtrans fährt auch für Produktionsbetriebe der Migros. Das Unternehmen schreibt dazu: «Für die Migros sind nach unserem Kenntnisstand keine Transporteure – auch nicht die Thurtrans AG – im Einsatz, die die gesetzlichen Vorgaben im Zusammenhang mit Arbeitsbewilligungen nicht einhalten.»

Zudem habe sie von Thurtrans eine schriftliche Bestätigung, wonach der Lohn der für die Migros eingesetzten Thurtrans-Chauffeure über dem Minimallohn liege. Und: «Auch bezüglich Ferien und Spesenentschädigung lassen sich die Anstellungsbedingungen der Thurtrans durchaus sehen.»

Das Migrationsamt des Kantons Thurgau, welches die Grenzgänger-Bewilligungen ausstellt, schreibt, es könne «weitere Abklärungen oder ein Verwaltungsverfahren bezüglich des Aufenthaltstitels» zur Folge haben, wenn das Amt erfahre, dass eine Person die Voraussetzung des Aufenthaltstitels nicht mehr erfülle.

Hans-Peter Dreier hofft, dass dieses Beispiel nicht Schule macht und Transporteure «nicht durch die Verlader gezwungen werden, nur noch auf diesem Niveau zu offerieren, damit wir Aufträge erhalten». Ansonsten drohten in der Schweiz ähnliche Verhältnisse wie im internationalen Transport – wo Schweizer Löhne längst nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Detailhandel: Knallharter Kampf um Fahraufträge

    Aus ECO vom 24.8.2015

    Kunden von Migros, Coop, Denner, Lidl und Aldi haben Ansprüche: Alles muss jederzeit verfügbar sein, möglichst frisch und günstig. Im Hintergrund sorgen Transporteure für rechtzeitige Lieferung. Sie stehen in einem zunehmend härteren Wettbewerb zueinander. Nun setzen einzelne auf Grenzgänger aus Osteuropa, die unzulässig lange in der Schweiz bleiben.