Nach Umsiedlungen: Happige Vorwürfe gegen Glencore

Ganze Gemeinschaften mussten in Kolumbien den Kohleminen des Rohstoff-Giganten Glencore weichen. Einen geordneten Übergang in ein neues Leben versprach CEO Ivan Glasenberg den Betroffenen. Nichts als heisse Luft, sagen Menschenrechtler und namhafte Kritiker.

Mit Glencore-Chef Glasenberg unterwegs in Kolumbien

Vor einem Jahr machte sich eine ungewöhnliche Reisegruppe auf den Weg nach Südamerika: Das oberste Management des weltweit grössten Rohstoffhändlers Glencore bereiste gemeinsam mit Vertretern der Menschenrechtsorganisation «ask!» und Bürgern aus dem Knonauer Amt Kolumbien. Die Reise diente jedoch nicht dem Vergnügen, sondern hatte einen ernsten Hintergrund: Denn wegen Glencores Kohleminen im Land mussten mehrere lokale Gemeinschaften umgesiedelt werden.

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Der offene Brief wurde von rund 70 Persönlichkeiten unterzeichnet. Darunter etwa Alt Nationalrat Josef Lang, Soziologie-Professor Ueli Mäder, die Grünen-Nationalräte Balthasar Glättli und Louis Schelbert sowie Vertreter diverser Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen.

Vor Ort wollte Ivan Glasenberg, CEO des Schweizer Rohstoffkonzerns, die Reiseteilnehmer davon überzeugen, dass die betroffenen Menschen angemessen entschädigt würden. Und: «Wenn es ein Problem gibt, werde ich es lösen», soll Glasenberg vor Reiseantritt gesagt haben. Ein Jahr später gibt es, glaubt man ask!, viele Probleme, und kaum Lösungen: «Passiert ist noch fast nichts», klagt die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien in einem offenen Brief.

Und die Menschenrechtsorganisation fährt schweres Geschütz gegen den Rohstoff-Giganten auf: «Die Gemeinschaften kämpfen weiter vergebens um ihre Rechte und um die Anerkennung ihrer Lebensgrundlage, ihrer Kultur und Lebensweise.» Kurz: «Es ging Glencore wohl in erster Linie darum, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.»

Eine langfristige Existenzgrundlage

So hätten die Gemeinschaften seit der Umsiedlung etwa keine stabile Versorgung mit sauberem Trinkwasser, führt Stephan Suhner, Mitarbeiter von ask!, aus: «Obwohl es vorhanden wäre: Glencore hat in einer eigenen Siedlung für das Management und die Ingenieure Schwimmbäder und einen grünen Golfplatz.»

Die Gemeinschaften würden weiter von Entschädigungszahlungen, also «von der Hand in den Mund» leben, und hätten nach wie vor keine geregelten Einkommen. «Dazu kommt», so Suhner, «dass viele Leute ihr Vieh nicht an die neuen Orte mitnehmen konnten und auch nicht das Land haben, um genügend Lebensmittel anzubauen.»

«  Es ging Glencore wohl in erster Linie darum, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. »

Ask! in ihrem offenen Brief

Suhner fordert denn ausreichend Land, damit die Bauerngemeinschaften Vieh halten und Landwirtschaft betreiben können – und lösungsorientierte Verhandlungen, die spürbare Verbesserungen mit sich bringen und die Existenzgrundlage der Gemeinschaften langfristig sichern.

Die Lage habe sich gegenüber dem Vorjahr zwar nicht verschlimmert: «Aber hinter den Gemeinschaften liegt ein weiteres Jahr an Gesprächen mit Glencore, die zu keinem Ziel geführt haben. Das ist ermüdend und zermürbend für die Menschen.»

Verständnis für Kritik an «Veränderungsprozess»

Michael Fahrbach, Nachhaltigkeits-Verantwortlicher von Glencore, weist diese Vorwürfe entschieden zurück: «Wir steuern komplizierte Prozesse, in denen Kompromisse gefunden werden müssen. Das braucht seine Zeit.» Handlungsbedarf bestehe zwar, räumt Fahrbach ein. Bei der Wasserversorgung etwa gelte es aber auch, eine «historische Dürre» in der Region zu berücksichtigen, die die Situation erschwert habe: «Der Vergleich, dass wir einfach einen Pool (für Glencore-Mitarbeiter) leerpumpen können, und das Problem ist gelöst, hinkt dann doch etwas.»

«  Wir sehen mehr die fortgeschrittene Entwicklung in die Zukunft. »

Michael Fahrbach
Leiter Nachaltigkeit bei Glencore

Unabhängig von den konkreten Entschädigungen für die Umsiedlungen: Kritik wird auch laut, dass ganze Gemeinschaften entwurzelt und in ihrer kulturellen Identität gefährdet würden: «Im Kern kann ich diese Kritik an diesem Veränderungsprozess verstehen», sagt Fahrbach. Solche Entwicklungen hätten aber nicht nur Schlechtes: «Es wird ein geordneter Zugang zu Bildung, Gesundheitseinrichtungen und letztendlich eine bessere Lebensqualität geschaffen.» Natürlich könne man Veränderungen im «Traditionsbereich» kritisieren: «Aber wir sehen mehr die fortgeschrittene Entwicklung in die Zukunft.»

Bei aller Fundamentalkritik: In ihrem offenen Brief an Ivan Glasenberg und Glencore erwähnt ask! auch positive Entwicklungen. Die Umsiedlungen liefen reibungsloser ab als früher, neue Projekte garantierten der lokalen Bevölkerung ein Einkommen. Suhner räumt denn auch «kleine Verbesserungen» ein: «Aber es fehlt nach wie vor eine Perspektive für die Gemeinschaften.»

ask! fordert Taten, Glencore verspricht sie

Dafür sei zwar auch die «Abwesenheit» des kolumbianischen Staates mitverantwortlich. Mit Partnern in Kolumbien und auch der Schweizer Botschaft in Bogotà arbeite man daran, dass es Lösungen gebe. «Aber es sind die Tätigkeiten von Glencore im Kohleabbau, die die Umsiedlungen nötig machten.»

Eine Glencore-Mine in Südafrika. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Milliardengeschäft mit Folgen: Ganze Dorfgemeinschaften mussten in Kolumbien dem Kohleabbau weichen. Reuters

Das oberste Glencore-Management habe konkrete Versprechungen gemacht, so Suhner: «Und darauf behaften wir sie. Das Wenige, was bislang erreicht wurde, geschah nach hartem Kampf und dank permanentem Druck.» Diesen wollen ask! und die Unterzeichner des offenen Briefs offensichtlich aufrecht halten.

Michael Fahrbach gibt sich derweil optimistisch, dass die Kritik der Menschenrechtler bald verstummen wird: «Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass wir die Zusagen erfolgreich umsetzen werden. Verzögerungen können eintreten. Aber entscheidend ist, dass wir nachhaltig daran arbeiten, Lösungen zu implementieren.»