Nestlés künftiger Chef muss für Schub sorgen

Ulf Schneider wurde erfolgreichen internen Bewerbern vorgezogen, was in der Geschichte des Nahrungsmittelkonzerns Seltenheitswert hat. Jetzt soll er den Konzern auf die wachstumsträchtigen Märkte ausrichten. Dabei hilft ihm seine Vergangenheit.

Ulf Schneider zeichnet mit den Händen eine schiefe Ebene Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Schieflage ist Nestlé zwar nicht, doch soll der neue Chef Ulf Schneider so einiges wieder richten. Reuters

Vorschusslorbeeren hat der neue Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider schon mal bekommen: Als Ende Juni seine Ernennung auf Anfang 2017 bekannt wurde, gehörten die Nestlé-Aktien an der Börse zu den Tagesgewinnern. Offensichtlich traut der Markt dem 50-jährigen Deutschen zu, dass er den Traditionskonzern neu ausrichten kann.

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Schon ab September bei Nestlé

Zum neuen Konzernchef wird Ulf Schneider zwar erst am 1. Januar. Gleichzeitig nimmt er dann auch im Verwaltungsrat Einsitz. Doch bereits ab September stösst er zum weltgrössten Nahrungsmittelkonzern aus Vevey, um sich einzuarbeiten. Schliesslich trifft er am Genfersee auf eine für ihn neue Branche.

Historisches geschafft

Und tatsächlich schaffte Schneider schon vor seinem Amtsantritt bei Nestlé Beachtliches: Als externer Anwärter auf die Nachfolge von Paul Bulke setzte er sich gegen drei vermeintliche Favoriten aus dem Haus durch – ein historischer Moment.

Denn erst zum zweiten Mal in der 150-jährigen Geschichte von Nestlé übernimmt ein Externer den Chefposten. Letztmals war das in den 1920-er Jahren der Fall.

Als Wachstumstreiber angestellt

Ulf Schneider kommt vom deutschen Gesundheitsunternehmen Fresenius, das er seit 2003 leitete. Der Konzern ist einer der grössten privaten Spitalbetreiber Deutschlands sowie im Pharma- und Gesundheitsdienstleistungsbereich tätig, unter anderem in der Dialyse (Blutreinigung). Schneider hat das Geschäft stark ausgebaut, etwa durch die Übernahme einer Reihe von Kliniken. Fresenius kam im letzten Jahr auf einen Umsatz von 29 Milliarden Franken. Schneider soll auch Nestlé zu neuem Wachstum verhelfen, weil das bisherige Geschäft oftmals auf gesättigte Märkte trifft.

In der Schweiz studiert

Der deutsch-amerikanische Doppelbürger Schneider stammt aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz und wuchs in Deutschland auf. Erste Spuren seiner Karriere führten schon früher in die Schweiz. Schneider studierte an der Hochschule St. Gallen (HSG). Später erwarb er einen MBA-Abschluss der Harvard University.

Schon früh sammelte er in verschiedenen Positionen berufliche Erfahrungen in der Pharma- und Gesundheitsbranche. In der Nahrungsmittelindustrie hat er indessen nicht gearbeitet. Das war aber kein Nachteil für seine Wahl, im Gegenteil. Schneider kommt als Gesundheitsexperte zum weltgrössten Nahrungsmittel-Hersteller.

Mehr Gesundheit statt Suppen

Damit unterstreicht Nestlé die Absicht, sich rasch vom breit diversifizierten Produzenten von Suppen, Kaffee, Schokolade, Babymilch oder Glace zu einem mehr auf Gesundheit ausgerichteten Unternehmen zu entwickeln. In der Managersprache heisst das, dass Nestlé zum Konzern für Nutrition, Health and Wellness (NHW) werden will. Stichworte dazu sind Hautpflege (Skin Health) und Lebensmittel mit gesundheitsfördernder Wirkung (Health Sience), beides wachstumsträchtige Bereiche.

Ein mutiger Entscheid

Dem als besonnen, aber auch zielstrebig geltenden Ulf Schneider traut der Nestlé-Verwaltungsrat diese Aufgabe offensichtlich zu – mehr als den internen Anwärtern für den Chefposten. Dazu setzt Nestlé wohl auch auf den frischen Wind von aussen, der ab kommendem Jahr dem da und dort etwas träge gewordenen Koloss neuen Schwung verleihen soll. Das sehen auch Bankanalysten so, die die Wahl Schneiders allerdings gleichzeitig als «mutigen Schritt» bezeichnet haben.

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0:20 min, aus Tagesschau am Mittag vom 18.8.2016

Denn nach einem Chefwechsel, entsteht in einem Unternehmen meist auch mehr oder weniger grosse Unruhe. Im Top-Management kommt es zu personellen Veränderungen. Dies erst recht, wenn der Neue von aussen kommt und eine neue Ära einläuten soll: Er bringt eigene Leute mit, hat neue Ideen, und im Unternehmen selbst suchen sich enttäuschte Chefanwärter Alternativen. Und vor allem: Der branchenfremde Schneider muss zeigen, dass er der richtige Mann am richtigen Platz ist.