Russen bereiten sich auf steigende Preise vor

Der Rubel verlor gestern acht Prozent gegenüber dem Dollar. Die russische Zentralbank hat deshalb in einer Hauruck-Aktion den Leitzins erhöht – von 10,5 auf 17 Prozent. Wie sich dieser Entscheid auf die Bevölkerung auswirkt, weiss Alexander Libman von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Eine Frau mit einem Hund an einer Leine bezieht Geld an einem grünen Bankomaten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Inflation hat einen Konsumboom ausgelöst: Russen kaufen ein, bevor die Produkte noch teurer werden. Reuters

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Alexander Libman

Alexander Libman ist Wissenschafter und arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er erforscht wirtschaftliche und politische Beziehungen in Osteuropa und Eurasien.

SRF: Ist die Leitzinserhöhung der russischen Zentralbank mitten in der Nacht ein Ausdruck von Panik?

Alexander Libman: Ich bin nicht sicher, ob es eine panische Reaktion der Zentralbank ist. Aber es ist eindeutig eine aussergewöhnliche Entwicklung, mit der man vor ein paar Tagen nicht gerechnet hat.

Was bedeutet der Entscheid für die Bevölkerung?

Für die russische Bevölkerung sind die Ergebnisse ganz klar: Erstens sind diejenigen, die ihre Ersparnisse in Dollar oder Euro halten, nun die Gewinner. Jene, die ihre Ersparnisse in Rubel haben, haben massiv verloren. Das waren in den letzten Jahren ziemlich viele. Aber was noch wichtiger ist, ist die Inflation. Die Bevölkerung reagiert darauf. Wir haben im letzten Monat einen Konsumboom in Russland beobachtet. Alle Autos sind bis Mai ausverkauft, weil man sich auf die steigenden Preise vorbereitet, die kommen werden.

Was passiert mit den Ersparnissen der Russen, die ihr Vermögen in Dollar angelegt haben? Könnte der Staat darauf zurückgreifen?

Darüber wird viel spekuliert. Momentan sind die Aussagen der Zentralbank und der Regierung so, dass Devisenkontrollen nicht eingeführt werden können. Aber wir haben schon Entwicklungen gesehen, die weit ausserhalb der Risikoszenarien liegen. Falls der Staat diese Entscheidung trifft, dann könnte das alle Prognosen, die jetzt noch nicht dramatisch aussehen, deutlich verschärfen.

Das heisst, die Kapitalverkehrskontrolle liegt im Bereich des Möglichen?

Ich hoffe nicht, aber es ist eine Frage der Hoffnung, nicht der absoluten Sicherheit.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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