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Legende: Audio Ökonom Niko Paech: «Uns droht ein Konsum-Burnout» abspielen. Laufzeit 05:23 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 30.04.2019.
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Schöne neue Shopping-Welt Brauchen wir das neue Handy wirklich in 24 Stunden?

Amazon macht Rekordgewinne und drückt weiter aufs Gaspedal. Uns drohe ein Konsumburnout, sagt der Ökonom Niko Paech.

Gewinn ist gut – mehr Gewinn ist noch besser: So funktioniert der Kapitalismus. Und wenn ein Unternehmen Rekordgewinne macht wie Amazon, ruht es sich nicht auf den Lorbeeren aus. Es will mehr. Mehr Umsatz.

Amazon will deshalb seine besten Kunden noch schneller beliefern, nämlich innert 24 Stunden. Doch der US-Konzern ist nicht allein. Auch in der Schweiz werben immer mehr Onlineversandhäuser mit dem Versprechen, Waren sogar noch am gleichen Tag zu liefern.

Aber entspricht der Slogan «Höher, schneller, weiter» wirklich dem Bedürfnis der Kunden? Oder bestimmen die Unternehmen unser Konsumverhalten? Mit eben diesen Fragen beschäftigt sich der Ökonom Niko Paech. Er glaubt nicht, dass solche Kundenbedürfnisse tatsächlich existieren: «Sie werden von den Konzernen geweckt.»

Niko Paech

Niko Paech

Ökonom

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Paech ist ein deutscher Ökonom. Er lehrt und forscht an der Universität Siegen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomie und Nachhaltigkeitsforschung.

Sich per Mausklick mit Konsumgütern einzudecken, die postwendend vor der Haustüre stehen, sei zwar verführerisch. «Aber die Beschleunigung aller Konsumaktivitäten trägt überhaupt nicht zur Wohlfahrt der Menschen bei.»

Alles was wir brauchen – und noch viel mehr

Wir würden schon heute derart viel konsumieren, dass uns gar nicht mehr die «psychischen Kapazitäten» zu Verfügung stünden, um all dies sinnstiftend zu nutzen. Paech warnt: «Uns droht ein Konsum-Burnout.»

Symptome dafür sieht der Ökonom, wenn unsere Keller und Wohnungen vor wahllos zusammenkauften Gütern überquellen. Ohne, dass wir uns wirklich damit beschäftigen: «So stiften die Dinge keine Freude.»

Zalando-Päckhen
Legende: Schwindelerregende Zahlen: Schweizer Zalando-Kunden schicken jedes Jahr zehn Millionen Päckchen zurück – die Hälfte der bestellten Pakete. Das belastet auch die Umwelt. Reuters

Die Folge: Wir hetzen von einem erkauften Gut zum nächsten, ohne uns daran zu erfreuen. Die einzelne Konsumverrichtung werde, wie es Paech ausdrückt, immer flüchtiger ausgeführt. «Und diese Flüchtigkeit ist der Todfeind des Genusses.»

Wir konsumieren Waren, wie Heroinabhängige ihren Stoff konsumieren, um irgendwie über den Tag zu kommen.
Autor: Niko PaechÖkonom

Paech rät zwar nicht zur Askese. Konsum sei richtig und wichtig. «Aber die Dosis macht das Gift. Wir müssen massvoller leben – und das ist eine Kunst.» Es gelte, die richtige Balance zwischen den Errungenschaften der Moderne und unserer Verantwortung zu finden – gegenüber unserem Geist aber auch der Umwelt: «Wir wären damit viel freier und weniger abhängig von den grossen, marktmächtigen Konzernen.»

Die «Postwachstums-Ökonomie»

«Wachstum» heisst das Mantra der modernen Marktwirtschaft. Das Plädoyer des deutschen Ökonomen steht dazu im Widerspruch. Lässt sich ein massvolleres Konsumverhalten überhaupt mit einer funktionierenden Wirtschaft vereinbaren?

Börse in Tokio
Legende: Der deutsche Ökonom bezeichnet sich mit seinem Plädoyer für weniger Wachstum und ein massvolleres Konsumenverhalten als Exot in seiner Gilde: «Aber wir werden täglich mehr.» Reuters

Die Wachstumszwänge einer modernen Ökonomie müssten überwunden werden, fordert Paech. Der wichtigste dieser Zwänge sei die Konsumgesellschaft selbst: «Wir konsumieren Waren, wie Heroinabhängige ihren Stoff konsumieren, um irgendwie über den Tag zu kommen.»

Weder die Politik noch Maschinen könnten unser Konsumverhalten neu justieren: Wir selber seien gefordert, sagt der Ökonom. «Wir müssen eine Gegenkultur zur Konsumkultur schaffen. Friedlich, fröhlich, konfrontativ.» Auch in der Schweiz gebe es bereits kleinere Gruppen und Projekte, die an dieser «Postwachstums-Ökonomie» arbeiteten: «Das ist die Ökonomie der Zukunft.»

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79 Kommentare

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  • Kommentar von Toni Koller  (Tonik)
    Und von Seiten von Links- und Rechtspopulisten heisst es hier jeweils, die Mehrheit der Schweizer sei am verarmen (womöglich noch wegen der PFZ mit der EU oder den Asylkosten) und sogar der Mittelstand könne sich kaum noch was leisten wegen der Krankenkassenkosten usw. Ja was stimmt jetzt, angesichts des offensichtlich allgegenwärtigen Überkonsums?
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  • Kommentar von Andi Solenthaler  (Solifant)
    Immer wieder fällt das Wort Dummheit.
    Ich glaube nicht dass die Leute dumm sind.
    Die Gesellschaft ist leer. Diese Leere versuchen sie zu füllen. Wir leben in einer materiell sehr reichhaltigen Welt. Das Meiste andere kommt zu kurz. Schaut euch um. Einsamkeit inmitten der Masse ist weit verbreitet. Konsum ist ein Hilfeschrei...eine Art von Selbstbefriedigung ohne auf jemanden zugehen zu müssen. Stolz zu sein auf etwas Gekauftes ist echt schräg.
    Das konnte ich noch nie verstehen...
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  • Kommentar von C. Baumgartner  (bäumig)
    Wenn wir die wirklich grossen Herausforderungen vor denen unsere Welt steht (Hunger, Krieg, Umweltzerstörung) wirklich in den Griff bekommen wollen, gibts für die Industrienationen nur eins:
    Schränkt Euren törichten Konsum ein!!!
    Minus 20% mal zum anfangen, bis in 5 Jahren minus 50%!
    Das will natürlich keiner hören und ich erwarte eine Flut von Ablenung, aber das öndert trotzdem nichts an der Tatsache!
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