Singapur: Vom Piratennest zum wirtschaftlichen Vorzeigestaat

Vor 50 Jahren wurde Singapur unabhängig, seither hat sich der Stadtstaat im Rekordtempo nach vorne katapultiert. Das BIP pro Kopf gehört zu den höchsten der Welt. Dabei hat Singapur weder Rohstoffe noch eine historisch gute Ausgangslage.

Hängebrücke in Singapur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erst vor 50 Jahren gegründet, hat sich Singapur im Rekordtempo entwickelt. Colourbox

Rund 500 Personen arbeiten im Auftrag der Regierung für das das Singapore Economic Development Board (EDB). Von seinem Büro im 24. Stockwerk blickt Geschäftsführer Keat Chuan Yeoh über ganz Singapur. Dabei wird ein grundsätzliches Problem sichtbar: Singapur hat keinen Platz mehr. Auf gut 700 Quadratkilometern leben 5,5 Millionen Menschen. In die Breite kann der Stadtstaat nicht mehr wachsen.

«In Singapur ermutigen wir die Leute, nach oben und nach unten zu schauen», so EDB-Geschäftsführer Yeoh. Die meisten bauen in die Höhe, doch es gibt auch andere Beispiele: «Um unsere Chemieindustrie zu unterstützen, haben wir 150 Meter unter dem Meeresspiegel eine Felsenhöhle gebaut.» Laut Yeoh ist es die weltweit erste solche Höhle für flüssige Kohlenwasserstoffe. «Die Regierung hat dafür 1 Milliarde Dollar investiert. Es hat Platz für 8 Millionen Barrel Öl.»

Alle zehn Jahre ein Masterplan

Obwohl Singapur selber keine Rohstoffe besitzt, hat sich der Inselstaat zu einem Chemie- und Raffinerie-Standort entwickelt. Hinter solchen Entwicklungen steht immer ein Masterplan: Im Schnitt alle zehn Jahre definiert das EDB einen Wirtschaftssektor, der gefördert werden soll. Dann wird immer nach demselben Muster vorgegangen: Experten aus der ganzen Welt werden eingeflogen, Tagungen organisiert, Konzerne angelockt. Dafür investiert die Regierung Milliarden.

Interviewpartner Keat Chuan Yeoh. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: EDB-Chef Keat Chuan Yeoh: «In Singapur ermutigen wir die Leute, nach oben und nach unten zu schauen.» SRF

Anfang 2000 wurde beispielsweise der Entscheid gefällt, aus Singapur einen Forschungsstandort zu machen. Auch dieser Plan wurde konsequent umgesetzt, mehrere Gebäudekomplexe wurden hochgezogen. Mittlerweile betreiben fast alle grossen internationalen Pharmaunternehmen Forschungsinstitute in Singapur.

Um genügend Fachpersonal war ebenfalls das EDB besorgt: Um junge Leute von einem Wissenschaftsstudium zu überzeugen, wurden grosszügige Stipendien vergeben: «Jedes davon mit einem Wert von einer Million Dollar», so Keat Chuan Yeoh. «Wir unterstützten die Studenten über zehn Jahre, von Anfang an bis zu ihrem Doktortitel. Insgesamt haben wir so eine Milliarde Dollar investiert und und 1000 Doktoranden im Forschungsbereich ausgebildet.»

Bald jeder zwanzigste Millionär

Ein Vorteil von Singapur ist seine Lage an der Strasse von Malakka, der wichtigsten Seehandelsroute. So entwickelte sich auch der Hafen zu einem der grössten der Welt. Früher war der Hafen bekannt als Umschlagplatz für Drogen und Prostituierte, Singapur selber war ein Piratennest. Doch das ist längst Vergangenheit, und in Singapur schaut man aus Prinzip nur nach vorne.

Skyline Singapur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Fünfzigstel der Schweiz: Singapur ist wahrlich ein Land mit kleiner Fläche. SRF

Es bleibt aber offen, wie lange Singapur noch so weitermachen kann. Denn auch der Stadtstaat kämpft mit Problemen: Seit 50 Jahren ist die gleiche Partei an der Macht, erste Stimmen bemängeln die fehlende Demokratie.

Und der Abstand zwischen Arm und Reich wächst: Jeder zehnte verdient weniger als 1000 US-Dollar, auf der anderen Seite ist jeder fünfunddreissigste Millionär, in zwei Jahren könnte es bereits jeder zwanzigste sein. Neben der wirtschaftlichen Entwicklung wird sich Singapur in Zukunft auch mit gesellschaftlichen Spannungen auseinandersetzen müssen.

Asean-Staaten: Vergleich BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt)

Singapur
83‘066
Brunei79‘890
Malaysia25‘145
Thailand15‘579
Indonesien10‘651
Philippinen6‘974
Vietnam5‘656
Laos5‘006
Myanmar4‘752
Kambodscha3‘276


Schweiz58‘149

IWF, 2014

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Südostasien (3) – Singapurs bewusste Entwicklung / Post, Vietnam

    Aus ECO vom 14.12.2015

    Südostasien ist eine der am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionen der Welt. Im dritten und letzten Teil seiner Serie zeigt «ECO», wie tiefgreifend das Wirtschaftswachstum die sogenannten Tigerstaaten verändert. Die Reise führt unter anderem nach Singapur, wo Milliarden in die Entwicklung investiert werden, weil der Staadtstaat keinen Platz mehr hat. Vietnam dagegen hat mehr als genug Platz, hinkt aber bezüglich Infrastruktur hinterher. Dafür profitiert die junge Bevölkerung vom wachsenden Arbeitsmarkt, angekurbelt auch von Schweizer Unternehmen wie der Post.

  • Südostasien (2) – Lehmann-Trub / SR Technics / Post in Vietnam

    Aus ECO vom 7.12.2015

    Südostasien ist eine der am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionen der Welt. Das lockt auch Schweizer Unternehmen in Länder wie Malaysia, Indonesien und Singapur. Im zweiten Teil der Serie begleitet «ECO» SR Technics und Lehmann-Trub weiter bei ihren Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Und die Reportage führt weiter und zeigt: Die Post ist der grösste Schweizer Arbeitgeber in Vietnam. Mehr als 1000 Personen arbeiten dort in der Verarbeitung von Dokumenten.

  • Südostasien – Lehmann-Trub, Indonesien / SR Technics, Malaysia

    Aus ECO vom 30.11.2015

    Südostasien ist eine der am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionn der Welt. Zu den zehn sogenannten Asean-Staaten gehören etwa Singapur, Indonesien, Malaysia und Vietnam. In all diesen Ländern sind auch immer mehr Schweizer Firmen präsent, vom Familien-KMU bis hin zum Schweizer Weltkonzern. Die Region bietet enorme Chancen. Und grosse Herausforderungen. «ECO» zeigt in einer dreiteiligen Serie, mit welchen Schwierigkeiten Schweizer Unternehmen vor Ort zu kämpfen haben. Im ersten Teil unter anderem die SR Technics.