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Wirtschaft Tierärzte: Vom langsamen Verschwinden des Mannes

Die traditionelle Tierarztpraxis entspricht nicht mehr den Vorstellungen des Nachwuchses. Heute sind über 80 Prozent der Studierenden der Tiermedizin Frauen. Viele suchen eine Teilzeitarbeit. Der Tierarzt, der sich Tag und Nacht in den Dienst seiner Patienten stellt, gehört der Vergangenheit an.

Tierärztin untersucht Katze.
Legende: Tiere untersuchen und behandeln. Diesen Beruf wollen vor allem Frauen erlernen. Mit Konsequenzen für die Branche. Imago

Martin Seewer ist pensionierter Tierarzt. Lange wirkte er auch als Beauftragter für Wirtschaftsfragen der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte. Er kennt die Branche wie kein Zweiter und bringt das Hauptproblem auf den Punkt: «Wir haben ein eklatantes Nachfolgeproblem!» Martin Seewer hat deshalb ein neues Geschäftsmodell entwickelt – davon später.

Rund 750 Tierarztpraxen sorgen hierzulande für das Wohl einer halben Million Hunde und 1,5 Millionen Katzen. Dazu kommt eine Vielzahl an Hamstern, Hasen und anderen Kleintieren. Doch die Verdienstmöglichkeiten selbständig erwerbender Tierärzte in Einzelpraxen sind beschränkter als diejenigen von Fachärzten aus der Humanmedizin. Erhebungen sprechen von Bruttolöhnen zwischen 130‘000 bis 150‘000 Franken, wovon die Altersvorsorge noch nicht abgezogen ist. Nicht selten haben pensionierungswillige Tierärzte Mühe, Nachfolger zu finden.

Höchster Frauenanteil aller Studienrichtungen

Die junge Generation hat andere Bedürfnisse, will mehr Zeit für die Familie und scheut oft das unternehmerische Risiko mit entsprechendem finanziellem Einsatz.

Legende: Video Studentinnen (Uni Bern) über Work-Life-Balance abspielen. Laufzeit 00:57 Minuten.
Aus ECO vom 23.03.2015.

Zwar hat keine andere Studienrichtung einen so hohen Frauenanteil wie die Veterinärmedizin. Doch gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote dieser Mediziner mit 13 Prozent die höchste aller Fakultäten. Schätzungen gehen davon aus, dass zwei Jahre nach dem Staatsexamen fast 50 Prozent der Tierärztinnen nicht mehr auf ihrem Beruf arbeiten. Sie wechseln zum Beispiel zu verwandten Branchen wie etwa der Pharma-Industrie.

Mit vier weiteren Partnern hat Martin Seewer aus diesem Missstand ein Geschäftsmodell entwickelt. 2009 gründeten sie gemeinsam die Firma Vettrust. Das Unternehmen übernimmt Praxen von Tierärzten, die in Pension gehen. Gleichzeitig versucht Vettrust den Arbeitswünschen junger Tierärztinnen gerecht zu werden. Damit sei das Bedürfnis nach Teilzeitarbeit und Vereinbarkeit mit Familienleben erfüllbar, sagt Martin Seewer. Beispielsweise beschäftigt Vettrust eine Tierärztin mit 60 Prozent Pensum in leitender Stellung. Heute zählt die Vettrust 9 Praxen. Von den 55 Beschäftigten sind 53 Frauen.

Sparen durch zentralen Einkauf

Natürlich ist Martin Seewer kein Wohltäter, sondern ein hart kalkulierender Unternehmer. Seiner Kette von Tierpraxen verpasst er einen einheitlichen Auftritt und modernes Design, denn «Tier und Besitzer sollen sich vor allem wohl fühlen».

Spareffekte erzielt die Vettrust durch den zentralen Einkauf von Medikamenten, Futter und Accessoires für die Hunde. Dies gilt auch für das Marketing und die Bereitstellung von Drucksachen. Zudem wird die Verwaltung zentral geführt und entlastet so den Arbeitsalltag der angestellten Tierärztinnen.

«Unser Fernziel sind etwa 20 Praxen», sagt Martin Seewer. Denn ab dieser Grösse wird das Geschäft wirklich lukrativ. «Wenn wir Erfolg haben, so wie es jetzt aussieht, dann werden wir Nachahmer finden», sagt Martin Seewer. Er ist davon überzeugt, dass die Vettrust nicht die einzige Kette in der Schweiz bleiben wird.

Tiermedizin studieren

Rund 80 Prozent der Veterinärmedizin-Studenten sind Frauen. Das Studium ist in der Schweiz in Bern und Zürich möglich. Derzeit sind in Bern rund 320 Studierende der Veterinärmedizin eingeschrieben und etwa 70 Doktoranden. Zürich kommt auf 380 Studenten und 230 Doktoranden.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Müller, Aegerten
    Ich habe grosses Verständnis für das Bedürfnis der angehenden TierärztInnen nach Teilzeitarbeit und genügend Freizeit (als Tierarzt mit ca 20 Jahren Berufserfahrung schätze ich diese Elemente selbst) - aber: Die Lernkurve einer Uniabsolventin in 60%-Beschäftigung wird eine bedenklich flache sein. Wenn Denkprozesse und Skills nicht x-mal (sondern nur 0.6*x-mal) durchgeführt werden, bleibt schlicht der Lerneffekt auf der Strecke und die hoffnungsvolle Jungtierärztin wird zur mediokren Berufsfrau.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Wenn nur 44% der gymnasialen Maturanten Männer und 56% Frauen sind und Männer von Natur aus eher Mathematik, Physik, Wirtschaft usw. studieren, dann darf man sich auf eine Art nicht wundern. Zumal durch das Bauernaussterben die Zukunft in dem Beruf bei den Haustieren liegt und nicht jeder mag sich wohl mit anspruchvollen Herrchen und Frauchen rumärgern. Da geht Mann besser in die Humanmedizin.
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