Über Geld spricht man: Lohntransparenz in Berner KMU

Wissen Sie, was ihr Arbeitskollege oder ihre Arbeitskollegin verdient? Wahrscheinlich nicht, denn in Betrieben ist der Lohn immer noch ein gut gehütetes Geheimnis. Nicht so im Berner KMU Empiricon, wo 25 Mitarbeitenden voneinander wissen, was sie verdienen. Und was verspricht sich der Chef davon?

Hand ergreift in Portemonnaie einen 100-Franken-Schein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seltene Offenheit bei Empiricon in Bern. Die Mitarbeiter lassen sich in die Lohntüte blicken. Keystone

Die Mitarbeiter des Berner Unternehmens Empiricon sind über die Lohnhöhe ihrer Kolleginnen und Kollegen bestens im Bilde. Was verspricht sich aber der Chef von dieser Art Transparenz, die in vielen Unternehmen wohl noch länger die Ausnahme von der Regel bleiben wird.

Gutes Arbeitsklima

Zufriedene Mitarbeitende gehören zum Geschäftsmodell von Empiricon. Die kleine Beratungs- und Forschungsfirma ist auf Umfragen spezialisiert. Im Auftrag privater und öffentlicher Betriebe untersucht sie, ob und wie zufrieden die Angestellten mit ihren Arbeitgebern sind.

Ein gutes Arbeitsklima sei ihm deshalb auch in der eigenen Firma wichtig, sagt Empiricon-Mitinhaber Robert Zaugg. Das Lohnsystem habe man deshalb zusammen mit den Mitarbeitenden erarbeitet. «Es war nicht so, dass wir als Inhaber gesagt haben, so tun wir es. Gewissermassen: Take it, or leave it. Sondern wir haben darüber diskutiert und die Mitarbeitenden hatten darüber ein gewichtiges Wort mitzureden.»

Klar kommunizierter Massstab

Das Resultat war ein einfaches Lohnsystem. Die verschiedenen Funktionen sind klar abgegrenzt, die Lohnstufen genau festlegt. «Jeder weiss von sich selbst natürlich, aber auch von seinen Kolleginnen und Kollegen, in welcher Funktion diese Person positioniert ist. Und kann entsprechend auch ableiten, was die Lohnhöhe ist», erläutert Zaugg. Die mittlerweile 15-jährige Firma habe gute Erfahrungen gemacht mit Lohntransparenz, fügt er hinzu.

Klar gebe es auch in seinem Betrieb Diskussionen über Lohn-Fragen. Aber der klar kommunizierte Massstab erleichtere diese Gespräche, erklärt er: «Dann wird es auch viel einfacher und besser möglich über Leistung zu sprechen. Heute ist das sehr häufig ein Tabu und man spricht über Leistung sehr zurückhaltend. Und Lohntransparenz hilft ein bisschen auch, den Zugang zur Leistung positiver und entwicklungsorientierter zu definieren.»

Empiricon ist eine relativ junge und kleine Firma. Dank Lohntransparenz gab es nie historisch gewachsene Lohnungerechtigkeiten, wie ungleiche Löhne zwischen Männern und Frauen, die sich nur schwer und mit grossem Aufwand korrigieren lassen.

«Besonderheit in der Schweiz»

Solche Altlasten sind denn auch mit ein Grund, dass in vielen Betrieben Löhne nach wie vor ein gut gehütetes Geheimnis sind. Für Roland Müller, den Direktor des Arbeitgeber-Verbandes ist das Tabu aber vor allem auch kulturell bedingt. «Wir sind, und das ist eine Besonderheit in der Schweiz, uns nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit über Löhne zu sprechen.»

Zudem befürchtet er Neid, Ärger und mühsame Diskussionen, wenn jeder den Lohn des anderen kennt. «Ich glaube, wir hätten unter dem Strich einen grösseren Schaden verursacht, als etwas positives erreicht», betont Müller.

Hier und da bröckelt das Lohntabu trotzdem. Pionierfirmen, aber auch die öffentliche Verwaltung beginnen mit transparenten Lohnmodellen zu experimentieren und junge Leute befolgen das Gebot «über Geld spricht man nicht», auch nicht mehr so eng, wie noch ihre Eltern.