«Unser Konsum macht uns total transparent und beherrschbar»

Google, Facebook, Snapchat: Egal, was wir im Internet machen, jede Bewegungen wird mitverfolgt. Die Verführungskraft der Angebote im Web sei so gross, dass wir bereit sind, dafür unsere Privatsphäre aufzugeben, sagt der Soziologe Harald Wenzer. Doch damit werde unsere Gesellschaft zerstört.

Eine Hand hält ein Handy. Darauf sind mehrere Apps ersichtlich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gegen die zunehmende Dominanz der Technologien und deren Möglichkeiten kann man sich immer schlechter wehren. Keystone

Wie verändert die Digitalisierung unser Leben? Und welchen Einfluss haben Unternehmen wie Google oder Facebook, die von Milliarden Menschen auf der Welt täglich genutzt werden? Was ist mit dem undurchsichtigen Algorithmus, der im Hintergrund entscheidet, was wir im Internet sehen, was wir interessant finden sollen – und was nicht.

Eine klare Meinung dazu hat Harald Welzer. Der deutsche Soziologe hat kürzlich ein Buch mit dem Titel: «Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit» geschrieben. Eine der Hauptaussagen ist: Die Macht von Konzernen wie Facebook, Google oder Amazon besteht darin, dass wir Konsumenten uns freiwillig ausliefern.

SRF News: Warum tun wir das?

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Harald Welzer

Porträt Harald Welzer

zvg

Die Forschungsschwerpunkte des deutschen Soziologen und Sozialpsychologen sind Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung. Er ist Autor von mehreren Büchern. In seinem zuletzt erschienen Buch geht es um die Macht des Internets über uns.

Harald Welzer: Diese Frage führt ins Zentrum, ist aber gar nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube, Menschen liefern heute ihre Daten aus, weil etwas ganz anderes im Vordergrund steht: Der Konsum von Produkten, Dienstleistungen und Informationen. Das ist das, was man sieht. Ich wünsche mir etwas und bekomme es.

Dass ich dabei aber gleichzeitig mit mir selbst bezahle, mit der vollständigen Transparenz meiner Person, ist etwas, das zunächst einmal unsichtbar bleibt. Konsum ist das Einfallstor für die vollkommene Herstellung von Transparenz und damit Beherrschbarkeit.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer smarten Diktatur. Was soll das sein?

Die smarte Diktatur wird wirksam, indem sie Privatheit zerstört. Für Demokratie ist es existenziell, dass wir einen Raum des Privaten haben, der für andere nicht zugänglich ist. Deshalb steht die Unverletzbarkeit der Wohnung oder das Briefgeheimnis in jeder freiheitlichen Verfassung.

Wenn wir aber diese Privatheit verlieren, sind wir in derselben Situation wie die totalitären Gesellschaften. Die Herrschaft dort besteht darin, dass die einzelnen Personen keine Autonomie und nichts Privates mehr haben, dass alles durchschaubar ist und man jederzeit weiss, was sie tun und noch besser, was sie als nächstes tun werden. Insofern hat das, was wir momentan erleben, zumindest Verbindungslinien zum Totalitarismus.

«  Die Verführungskraft der Angebote im Netz scheint so gross zu sein, dass die Bedenken, dass ich damit Daten liefere, verloren gehen. »

Sie nennen das auch einen Angriff auf unsere Freiheit. Aber unsere Freiheit besteht ja auch darin, selber zu entscheiden, ob wir da mitmachen wollen oder nicht.

Es gibt zwei unterschiedliche Prozesse: Zum einen scheint die Verführungskraft all dieser Angebote im Netz so gross zu sein, dass die Bedenken, dass ich damit Daten liefere, verloren gehen. Zum anderen wird durch die zunehmende Dominanz der Technologien die Möglichkeit des Einzelnen, sich dagegen zu wehren, immer geringer.

Nehmen Sie die zunehmende Möglichkeit des elektronischen Bezahlens: Das bedeutet aber, dass ich alles, was ich in Verbindung mit Geld tue, von irgendjemandem auch gesehen wird. Das Problem existiert auf vielen verschiedenen Ebenen. Damit wird die Unausweichlichkeit des permanenten Ablieferns von Informationen über sich selbst immer dichter und der Freiheitsspielraum immer kleiner.

Es gibt aber auch Abwehrmechanismen, wie ich meine digitalen Spuren im Internet verwischen kann – etwa Browsererweiterungen, die meinen Suchbegriff auf Google ändern.

Ja, von denen gibt es viele. Und das finde ich auch gut. Aber die grundsätzliche Thematik wird nicht gesehen. Wir reden vielleicht über Datenschutz, über das Verschlüsseln von E-Mails oder über abhörsichere Handy. Doch wir lassen durch diese Technologie und ihren Gebrauch die Grundvoraussetzung unserer Form von Gesellschaftlichkeit zerstören. Das ist das eminent politische Thema und darüber führen wir noch keine Debatte. Auch dann nicht, wenn wir über Datenschutz sprechen.

Der langjährige CEO von Google, Eric Schmidt, sagte. Die Realität sehe so aus, dass es die Zeit gibt, in der wir schlafen und die, in der wir online sind. Trifft das auch auf Sie zu?

Auf mich persönlich überhaupt nicht. Ich bin nicht häufig online, besitze kein Smartphone und bin nicht in sozialen Netzwerken. Das Zitat ist aber insofern interessant, weil er es wahrscheinlich mit einem Ausdruck des Bedauerns ausgesprochen hat.

Denn die Ziele sind ja viel weiterführend, denn man will auch noch den Schlaf überwachen. Es gibt mittlerweile Betten von Panasonic oder Samsung, die den Schlaf überwachen und entscheiden, wann es Zeit ist, aufzustehen und dazu den Raum mit dem richtigen Licht illuminieren. Oder Smarthome, wo das Haus jede Form von Bewegung registriert und reguliert, die man da drin macht. Auch da fallen jede Menge Informationen an, unabhängig davon ob man schläft oder wach ist.

Wie erklären Sie einem jungen Zuhörer, warum er auf Facebook Snapchat verzichten sollte?

«  Es ist viel einfacher, den jungen Leuten die Gefahren des Internets zu erklären als den faszinierten Erwachsenen mittleren Alters, die mit leuchtenden Augen ihre neuste App vorführen.  »

Die Jugendlichen sind mit dieser Technologie schon gross geworden. Sie haben nicht mehr dieses unglaubliche Faszinationsverhältnis dazu. Sie merken auch die Belastung davon.

Ich höre häufig, dass der ständige Druck, antworten zu müssen, ständig beobachtet zu werden, auch in eigenen sozialen Netzwerken, als totale Belastung empfunden wird. Und das ist es auch für die Beziehungen, wenn man keine Geheimnisse mehr haben kann. Vieles braucht man nicht mitzumachen, ohne den geringsten Schaden davonzutragen. Wenn man diese Dinge nicht benutzt, gewinnt man damit viel Zeit, Entspanntheit und Authentizität.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.