Zum Inhalt springen

Wirtschaft Virtuelle Anprobe

Der Schweizer Modehandel ist in der Krise. Chancen rechnen sich Nischen-Anbieter aus, die 100 Prozent auf den Online-Verkauf setzen. Die Start-ups Flink und Selfnation sind Beispiele hierfür. Sie halten ihre Kosten tief: ohne Zwischenhandel, ohne Lokalmieten, ohne zusätzliches Personal.

Drei Menschen schneidern eine Jeans.
Legende: Andreas Guggenbühl (links) will aus einem der meistverkauften Kleidungsstücke überhaupt Profit schlagen: Jeans. zvg

Seine Näherinnen in Mendrisio kämen fast nicht nach mit Produzieren. Remo Frei freut‘s. Er ist Industrie-Designer und Chef von Flink. Das Churer Start-up entwirft Outdoorjacken nach dem Vorbild grosser Marken, lässt sie aber in der Schweiz herstellen und verwendet umweltfreundliche Materialien.

Gewinne noch nicht in Aussicht

Um das unternehmerische Risiko tief zu halten, holte sich der Unternehmer vor der ersten Produktion 2013 garantierte Zusagen von Kunden. Bestellungen im Wert von über 160‘000 Franken kamen so herein. «In dem wir nur online verkaufen, können wir die Kosten tief halten, weil wir den Zwischenhandel umgehen», sagt Remo Frei gegenüber «ECO».

Vier Menschen in Outdoor-Kleidung.
Legende: Outdoor-Bekleidung aus dem Online-Shop: Remo Frei (rechts unten) und sein Churer Team. zvg

Rotauf-Jacken sind teurer als «normale» Tourenjacken, weil sie in der Schweiz produziert werden. Trotzdem fanden sich bisher in diesem Jahr 900 Käufer.

Auch die neue Kollektion von Rotauf wird in der Schweiz produziert. Neu im St. Galler Rheintal; wegen Kapazitätsengpässen am bisherigen Produktionsstandort im Tessin. Gewinn macht das Start-up noch nicht. Man sei noch immer an der Aufbauarbeit und in der Investitionsphase. Remo Frei erwartet in den nächsten 1 bis 2 Jahren schwarze Zahlen.

Massgeschneiderte Jeans aus dem Internet

«Einkaufen war für mich immer ein Horror», sagt der ETH-Maschineningenieur Andreas Guggenbühl zu «ECO». Deshalb sei er auf die Idee gekommen, Jeans, eines der am meistverkauften Kleidungsstücke, online zu verkaufen. Ein Modell, das es in der Schweiz in dieser Form noch nicht gab.

Das war vor zwei Jahren. Heute leitet Guggenbühl das Zürcher Start-up Selfnation mit zehn Mitarbeitern und verkauft mehrere Hundert Jeans im Monat in die Schweiz und vermehrt auch nach Skandinavien. Hergestellt werden auch seine Produkte im Tessin.

Einjährige Entwicklungsarbeit war nötig, um eine Lösung zu finden, damit Kunden die Jeans virtuell anprobieren können. Ein befreundeter ETH-Professor half dem Firmengründer, einen Algorithmus zu entwickeln, der mit einem 3-D-Modell und acht Massgrössen jeden Schnitt berechnen kann.

Die Macher von Selfnation setzen bei ihrem Marketing auf Mund-zu-Mund-Propaganda. «Im Gegensatz zum klassischen Retailgeschäft fallen weder Lokalmieten, Personal- noch Lagerkosten an». Das habe ihm geholfen, sagt Andreas Guggenbühl. Trotzdem wartet auch sein Unternehmen noch auf Gewinn.

Weniger Preisdruck als klassische Händler

Rotauf und Selfnation bewegen sich in einer Nische, deshalb traut Ihnen-E-Commerce-Unternehmensberater Thomas Lang Erfolg zu. «Zudem können sie sich klar vom herkömmlichen Fashion-Handel differenzieren, bei dem ein starker Preisdruck und knallharte Preisdifferenz herrscht», sagt er zu «ECO». Dort könne man sich eigentlich nur noch über Dienstleistungen unterscheiden, alles andere sei austauschbar und ähnlich.