VW drosselt Autoproduktion

Im VW-Werk im deutschen Emden steht die Produktion für das Modell Passat bereits still. Weitere Stillegungen drohen. Grund ist ein Streit mit zwei Bauteilzulieferern. Bis zu 20'000 Angestellten droht Kurzarbeit. Der Streit zeigt exemplarisch, wie abhängig Autokonzerne von ihren Zulieferern sind.

Hände in weissen Handschuhen halten das Zeichen für VW. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Streit mit Zulieferern: Nach dem Abgasskandal steht der VW-Konzern erneut vor Problemen. Keystone

Was zum Streit zwischen VW und den beiden Zulieferbetrieben geführt hat, ist bislang nicht klar. Die Rede ist von offenen Rechnungen. Technische Probleme sind es auf jeden Fall nicht. Ungewöhnlich ist, mit welcher Heftigkeit der Streit ausgetragen wird.

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Verfügungen erlassen

Nach Angaben des zuständigen Gerichts hat VW bereits alle nötigen Voraussetzungen für die Herausgabe fehlender Teile erwirkt. Für beide Teilehersteller, die ihre Lieferungen laut VW-Angaben vertragswidrig gestoppt haben, liege eine einstweilige Verfügung vor, die aktuell «vollstreckbar» sei.

VW hat angekündigt, alle juristischen Möglichkeiten ausschöpfen zu wollen – und im Notfall gar mit der Polizei bei den Zulieferbetrieben vorbei zu gehen und die Bauteile abzuholen. Diese weigern sich, die nötigen Elemente auszuliefern.

Totale Abhängigkeit

Der Fall ist beispielhaft, wie Hans-Gerhard Seeba, Professor für Automobilwirtschaft in Wolfsburg, gegenüber des Norddeutschen Rundfunks sagte: «Die Hersteller sind regelrecht abhängig von den Automobilzulieferern. Sicher wird auch immer hart verhandelt, beispielsweise um Preise.» Im aktuellen Fall geht es um einen Zulieferer, der Sitzbezüge herstellt. Der andere produziert Getriebeteile. Diese sind zentral, sie gehören zum Herzen eines Autos.

«Dass VW vorläufig die Autos nicht weiter zusammenbauen kann, hat auch damit zu tun, wie Autos heute produziert werden», erklärt der Autoingenieur Marcel Strub. Er arbeitet sowohl für Autokonzerne wie auch Zulieferbetriebe. «Die Bauteile werden angeliefert und praktisch direkt verbaut. Das heisst, wenn meine Lieferung nicht kommt, sind das ein paar Stunden, vielleicht Tage, während deren man ein bisschen Luft hat.»

Dies ist anders als früher, als die Hersteller eigene Lager hatten und sich dort bedienen konnten, wenn es zu Lieferengepässen kam. Zwar würden die Autokonzerne in der Regel mit verschiedenen Zulieferbetrieben zusammenarbeiten, um das Risiko von Lieferengpässen zu umgehen. Doch das sei nicht immer so einfach, so Strub, vor allem wenn es um komplexe Komponenten geht.

Gefragtes Modell

Verschärft wird die Situation auch deshalb, weil es Getriebeteile sind für das meist verkaufte Auto in Deutschland, den Golf. Olaf Lies, Wirtschafsminister von Niedersachsen und Verwaltungsrat von VW, hofft deshalb auf eine baldige Lösung des Streitfalls: «Ich appelliere dringend an alle Beteiligten, möglichst zügig eine Lösung herbeizuführen, damit die Produktion fortgesetzt werden kann und die Beschäftigten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können.»

Im VW-Werk in Emden steht die Produktion des Passat-Modells bereits still. Und sollte der Streit nicht beigelegt werden können, müsste VW auch sein Hauptwerk in Wolfsburg teilweise still legen. In Wolfsburg ist die grösste Autofabrik der Welt. Dort wird auch der Golf hergestellt. Insgesamt verlassen über 800'000 VW-Modelle pro Jahr die Fertigungshallen.