«Ein guter Ingenieur kann von überall her kommen»

Flüchtlinge können zum Wirtschaftswachstum beitragen, schreibt der IWF in einer neuen Studie. Auf längere Sicht funktioniere das allerdings nur, wenn sie gut in den Arbeitsmarkt integriert werden. Wie sehen das die Unternehmer am Weltwirtschaftsforum in Davos?

Menschen auf einer Rampe unter einer bläulichen Leuchtschrift «Annual Meeting 2016». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: CEOs können sich vorstellen, Flüchtlinge einzustellen – Englisch ist dabei wichtiger als die Landessprache. Keystone

Hoch oben in den Bündner Berger zeigen sich vor allem grosse Unternehmen grundsätzlich bereit, Flüchtlinge anzustellen. Zum Beispiel der Schweizer Energie- und Technologiekonzern ABB, der weltweit mehr als 140'000 Mitarbeiter beschäftigt. Das bestätigt ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: «Die Belegschaft entwickelt sich kontinuierlich, und natürlich sind wir auch dafür offen, Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls ins Arbeitsumfeld zu integrieren.»

Allein bei ABB Schweiz seien 67 verschiedene Nationalitäten vertreten, sagt Spiesshofer. Auch bei der Integration der neuen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Afrika werde der Konzern sicher seine Rolle spielen.

«Wir sind bereits aktiv – und zwar nicht nur in Deutschland, auch hier in der Schweiz. Wir versuchen, Menschen, die jetzt neu in diese Länder kommen, ins Arbeitsumfeld zu integrieren.» Die Vermittlung von Sprachkenntnissen überlasse der Konzern aber den lokalen Verwaltungen.

PWC hofft auf Spezialisten unter den Migranten

Auch bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC steht die Tür für Flüchtlinge grundsätzlich offen, sagt PWC-Schweiz-Chef Urs Honegger. Schon heute seien Mitarbeiter aus 60 Nationen vertreten: «Wir suchen eigentlich immer Fachkräfte, die wir oft aus dem Ausland zu uns holen.» Sein Unternehmen habe heute aber vermehrt Mühe damit, diese Fachkräfte aus dem Ausland beizuziehen.

«Wenn solche Spezialisten hier sind und wir sie durch eine relativ schnelle Schulung integrieren können, sind wir sehr wohl bereit.» Vorausgesetzt natürlich, es gebe eine Arbeitsbewilligung, so Honegger. Sprachkenntnisse seien dagegen keine Hürde: «Englisch wäre natürlich hilfreich, aber Deutsch oder Französisch muss man nicht unbedingt sprechen, das könnten wir anders regeln.»

Gut qualifizierten Flüchtlingen eine Chance geben

Ähnlich tönt es auch beim Internet-Auktionshaus Ebay. «Wir versuchen einfach, die besten Leute anzustellen», sagt Ebay-Chef Devon Wenig. Die Sprache spiele keine Rolle. Wenn man ein guter Ingenieur sei, könne man von fast überall her kommen. Er hofft, dass es eine Diskussion darüber gibt, wie man solche hochqualifizierten Leute durch Trainingsprogramme gut in den Arbeitsmarkt integrieren kann.

Der Wille scheint also da zu sein, zumindest gut qualifizierten Flüchtlingen eine Chance zu geben. Die Integration in den Arbeitsmarkt wäre auch dringend nötig, wenn die Flüchtlinge auf längere Sicht zum Wirtschaftswachstum beitragen sollen, schreiben die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in einer neuen Studie. Dass das nicht einfach ist, dessen ist sich aber auch IWF-Vizedirektor Min Zhu bewusst.

Gewerkschaft kritisiert Aussetzen des Mindestlohnes

Die Eintrittshürden seien in den meisten Ländern hoch. Und es sei wichtig, schnell zu handeln, wenn die Integration in den Arbeitsmarkt gelingen soll, sagt der IWF-Manager. Um Flüchtlingen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, schlägt der IWF unter anderem vor, Mindestlöhne eine Zeit lang zu senken oder ganz auszusetzen, damit die Anstellung nicht am Lohn scheitert. Vielleicht sei es sogar sinnvoll, einen zweiten Arbeitsmarkt für Flüchtlinge zu schaffen, sagt Min Zhu.

Dagegen kündigen Gewerkschaften umgehend Widerstand an: Niemand dürfe die Flüchtlingskrise nutzen, um soziale Errungenschaften auszuheben, sagt Jyrki Raina, der als Chef der globalen Industriegewerkschaft Industriall 50 Millionen Arbeitnehmer vertritt. Der Gewerkschaftsboss empfiehlt indessen Integrationskurse in den Unternehmen. Was zeigt: Der Wille zur Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist zwar da. Doch die Umsetzung dürfte kompliziert werden.