Wenn die deutschen Arbeitskräfte ausbleiben

Pflegefachleute aus Deutschland bleiben vermehrt in ihrer Heimat, denn auch dort fehlt es an Pflegepersonal. Schweizer Heime und Pflegeeinrichtungen leiden unter dem Ausfall und müssen sich neu organisieren.

Aufnahme der Beine eines Pflegers, der ein Spitalbett durch einen Korridor rollt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Insbesondere im Pflegebereich ist das Ausbleiben der Arbeitskräfte aus Deutschland zu spüren. Keystone / Symbolbild

Beim Schweizer Dachverband Curaviva, in dem Heime und Pflegeinstitutionen organisiert sind, äussert sich Monika Weder besorgt. Sie ist für Bildungsfragen zuständig und sagt: «Unsere Mitglieder melden uns, dass sie weniger Bewerbungen auf offene Stellen im Bereich Pflege haben. In der Vergangenheit haben wir viele Fachkräfte für Pflege und Betreuung aus Deutschland angestellt.»

Schon bisher war es nicht einfach, alle Stellen mit guten Leuten zu besetzen: Der Nachwuchs fehlt, und gleichzeitig steigt der Bedarf an Pflegepersonal. «Wir haben grundsätzlich schon ein Problem, genügend Personen zu rekrutieren, die einen Abschluss auf der Tertiär-Stufe im Bereich Pflege haben. Dann melden uns 90 Prozent der Institutionen, sie hätten Schwierigkeiten», sagt Weder. Und es werde noch schwieriger.

In der Schweiz fehlen 5000 bis 7000 diplomierte Pflegefachkräfte, erklärt Weder. Bei den weniger qualifizierten Pflegeberufen sei der Mangel zwar weniger schlimm. Doch sei die Möglichkeit weniger qualifiziertes Personal anzustellen «eine schlechte Strategie. In vielen Kantonen gibt es Vorgaben, wie viel Personal auf der Tertiär-Stufe ausgebildet sein muss. Wenn man zu wenig ausgebildetes Personal hat, führt das zu Qualitätseinbussen.»

Besserer Lohn zieht nicht mehr

Die Lage sei ernst, sagt auch Tino Senoner von der Schweizer Stiftung für Arbeitsmarkt und Weiterbildung: «Im Gesundheitswesen stehen wir vor einer kritischen Situation», warnt der Arbeitsmarkt-Experte, der die Veränderungen auf dem Markt für Pflegefachkräfte analysiert hat.

«  Wir waren es gewohnt, dass wir das Personal in Deutschland holen können. »

Tino Senoner
Schweizer Stiftung für Arbeitsmarkt und Weiterbildung

«Da hatten wir in der Schweiz noch nie Reserven und holten das Personal in Deutschland. Dort fehlt es nun aber auch an Mitarbeiterinnen, so dass die Deutschen fern bleiben.» Wer in der Heimat eine Stelle finde, ziehe nicht weg, sagt Senoner. Auch wenn anderswo höhere Löhne winkten.

Dies zeigen seine Untersuchungen. Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat sich in der Tat verbessert: «Die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg oder Bayern ist tiefer als in der Schweiz», so Senoner.

Hinzu kommt, dass sich auch der Osten Deutschlands wirtschaftlich erholt. Dort ist eine Trendwende im Gange: Letztes Jahr sind erstmals seit dem Fall der Mauer wieder mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland gezogen als umgekehrt.
Deutschland braucht seine Fachkräfte selber, so das Fazit des Arbeitsmarkt-Experten.

Einheimisches Potenzial mobilisieren

Dies verschärft den Fachkräftemangel in der Schweiz. Deshalb müsse mehr getan werden, um qualifiziertes Personal auszubilden, sagt Monika Weder von Curaviva: «Die Branche hat einen neuen Abschluss entwickelt, eine Berufsprüfung. Da werden Leute spezialisiert für die Arbeit in den Altersinstitutionen ausgebildet.» Im Winter wird die erste eidgenössische Prüfung durchgeführt. «Wir hoffen hier auf zusätzlichen Nachwuchs für die Tertiär-Stufe.»

Doch Fachkräfte fehlen nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in anderen Branchen wie dem Bausektor oder in der Informatik. Sehr genau weiss das Boris Zürcher, der beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) für den Arbeitsmarkt zuständig ist: «Der Fachkräftemangel ist nicht einfach gegeben. Wir können auch einheimisches Potenzial mobilisieren. Zwischen 2010 und 2015 haben wir etwa 100'000 Personen aus der Schweiz zusätzlich in den Arbeitsmarkt bringen können. Das waren überwiegend Frauen.»

«  Vermutlich werden wird die rückläufige Zuwanderung aus der EU mit dem einheimischen Potenzial nicht vollständig ersetzen können. »

Boris Zürcher
Leiter Direktion Arbeit beim Seco

In dieser Richtung müsse man weitergehen, so Zürcher – mit mehr Teilzeitstellen und besseren Kinderbetreuungs-Angeboten zum Beispiel. «Damit können wir zumindest einen kleinen Beitrag leisten.»