Automatisierung bei der SBB Werden die Rangierarbeiter bald ... ausrangiert?

SBB Cargo testet Güterwagen mit automatischen Kupplungen: Gehören die Büezer in Orange bald zum alten Eisen?

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Neues Berufsbild für Rangierarbeiter

Seit 15 Jahren arbeitet Gabriel Alfred als Rangierarbeiter. Täglich hängt er hunderte von Eisenbahnwagen zusammen. Eine Knochenarbeit, wie sich am Rangierbahnhof in Muttenz zeigt: Dort klettert Alfred unter den Puffern von zwei Güterwagen hindurch und kuppelt sie zusammen – von Hand.

«  Man ist immer auf den Knien, man muss immer unten durch kriechen. Es ist wirklich eine schwere Arbeit. »

Gabriel Alfred
Gleisarbeiter

Die Arbeit ist nicht nur schwer. Sie kann auch gefährlich sein. Auch wenn die Sicherheitsvorschriften strenger wurden und es in den letzten Jahren weniger schwere Unfälle gegeben hat.

Mit den neuen Güterwagen werde es noch sicherer, glaubt SBB Cargo.
Wegen den automatischen Kupplungen müssen die Rangierarbeiter nicht mehr zwischen den Wagen stehen.

Zwei Rangierarbeiter stehen zwischen zwei Güterwagen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rangierarbeiter Alfred begrüsst die automatische Hilfestellung: «Wenn es gut läuft und effektiv ist.» Patrick Künzle, SRF

Eine Erleichterung sagt Jürgen Mues, Leiter Rollmaterial von SBB Cargo: «Auf diese Weise können die Züge einfacher aufgetrennt und wieder zusammengeführt werden. In der Regel wird das mit Technologie alleine bewerkstelligt werden können. Der menschliche Anteil an der Zugbildung wird geringer werden.»

Und so gehe die Arbeit auch schneller und effizienter. Der Güterverkehr auf der Schiene werde günstiger und bleibe gegenüber dem Güterverkehr auf der Strasse konkurrenzfähig: «Das Transportgeschäft im Allgemeinen ist ein sehr wettbewerbsintensives Feld. Über Technologie müssen wir weitere Wettbewerbsvorteile suchen und finden.»

«  Nehmen wir neue Technologie oder stellen wir weiterhin Menschen ein?  »

Jürg Mues
Leiter Rollmaterial von SBB Cargo

Rangierarbeiter neben einem unbeladenen Güterwagen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kein Beruf für Jedermann: Das Interesse der Jungen an der Knochenarbeit schwindet. Patrick Künzle, SRF

Ein Testzug mit 16 Güterwagen wird mit der neuen Technologie ausgestattet. Vier Jahre lang ist er versuchsweise auf Schweizer Schienen unterwegs. Bewährt er sich, werden die alten Güterwagen schrittweise ersetzt.

SBB Cargo spricht von einer wichtigen Neuerung: Zwar werden in Amerika, Japan oder Russland schon lange Güterwagen mit automatischen Kupplungen eingesetzt. In Europa dagegen werde seit 100 Jahren über sie gesprochen, eine gemeinsame Lösung wurde aber regelmässig verworfen.

Die Vorteile der Digitalisierung

Nun will SBB Cargo als erste Bahn in Europa vorwärts machen: «Die Kupplung alleine bietet noch keinen Nutzen. Mit der Digitalisierung kann die Zugbildung aber insgesamt vorangebracht werden: Den Zügen können Technologien wie automatische Bremsprobe oder Kollisionswarnsysteme hinzugefügt werden.»

Die automatischen Kupplungen an Güterwagen bieten für SBB Cargo also Vorteile. Auch wenn noch unsicher sei, ob andere europäische Länder mitziehen – oder ob die Wagen dann nur innerhalb von geschlossenen Systemen eingesetzt werden können.

«  Wenn es effektiv ist und gut läuft, ist es für unseren Job etwas Gutes. »

Gabriel Alfred
Rangierarbeiter bei SBB Cargo

Güterwagen an der Werkhalle in Muttenz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch wird manuell zusammengeführt, was zusammen gehört: Das könnte sich bald ändern. Patrick Künzle, SRF

Computer und Automatisierung im Rangierbetrieb: Was aber heisst das für die Rangierarbeiter – werden die Männer in Orange überflüssig? «Nein», sagt Jürgen Mues: Rangierarbeiter brauche es auch in Zukunft. Weil es aber immer schwieriger werde, junge Leute für diesen Beruf zu begeistern, könnte die neue Technologie helfen, den Nachwuchsmangel zu beheben.

Denn der Altersdurchschnitt der Rangierarbeiter liege heute um die 50 Jahre, die Pensionierungen stünden bevor, sagt Mues: «Für uns ist die grosse Frage: Nehmen wir neue Technologie oder stellen wir weiterhin Menschen ein? Beim Berufsbild eines Rangierers ist, so glaube ich, auch am Arbeitsmarkt die Technologie der leichtere Weg.»

Auch Gabriel Alfred, der Rangierarbeiter in Muttenz, verspricht sich einiges von den automatischen Kupplungen: «Wenn es effektiv ist und gut läuft, ist es für unseren Job etwas Gutes. Wir müssten nicht mehr unter die Wagen kriechen.»