«Wir sind nach wie vor mitten in der Krise»

Ende 2012 trat Jürgen Stark unter Protest vom Amt des Chef-Volkswirts bei der EZB zurück – wegen der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Er attestiert einigen europäischen Ländern Unwillen und Unfähigkeit zu dringend notwendigen Reformen.

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Bildlegende: Die EZB verfolgt nach wie vor eine lockere Geldpolitik. Keystone

SRF: Vor knapp zwei Jahren sind Sie aus Protest vom Posten des Chef-Volkswirts der EZB zurückgetreten. Hat Ihr Protest etwas gefruchtet?

Jürgen Stark: Ich musste zunächst mit mir selbst ins Reine kommen – und das ist das, was zählt. Ich habe nicht erwartet, dass sich die Rettungspolitik in Europa grundlegend ändert. Ich habe die Konsequenzen gezogen nicht zuletzt aus Protest dagegen, dass von der EZB Staatspapiere Italiens und Spaniens gekauft wurden.

Trotzdem beginnt man bei der EZB darüber nachzudenken, wie man von dieser Politik wieder wegkommt...

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Rücktritt Ende 2012

Rücktritt Ende 2012

Jürgen Stark war bis Ende 2012 Chef-Volkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Aus Protest gegen die expansive Geldpolitik und wegen des Ankaufs von Staatsanleihen durch die EZB trat er aus dem Direktorium der EZB aus.

Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe darauf keine Antwort. Mittlerweile sind sowohl die Finanzmärkte wie auch die Regierungen völlig von den Operationen der Zentralbanken abhängig geworden: Die von letzteren bereitgestellte Liquidität hat die Märkte beruhigt. Aber die notwendigen Anpassungen – etwa in Europa – sind noch nicht so weit fortgeschritten, dass man die Liquidität ohne Probleme wieder abziehen kann.

Wie würden denn Sie den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik angehen, wenn Sie EZB-Präsident wären?

Wir sind nach wie vor mitten in der Krise – auch wenn sie im Moment augenscheinlich eine Pause einlegt. Deshalb ist es verfrüht, derzeit über einen Exit seitens der EZB nachzudenken.

In gewissen Volkswirtschaften sind die Arbeitslosenzahlen inzwischen ähnlich hoch wie in den 1930er-Jahren. Wieso ist es in Europa trotzdem viel ruhiger als damals?

Die Arbeitslosenquoten in Griechenland oder Spanien liegen über 25 Prozent – aber das ist verglichen mit der Situation vor 20 Jahren nicht überraschend: Spanien hatte damals eine ähnlich hohe Arbeitslosenquote. Das heisst, in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich dort am Arbeitsmarkt nur wenig geändert. Die Situation wurde lediglich durch den Immobilienboom überlagert. Dass in Spanien eine relative Ruhe herrscht, hängt mit den dort noch funktionierenden Familienstrukturen zusammen. Dort werden die Arbeitslosen aufgefangen durch die Grossfamilie.

Glauben Sie, es kommt noch zu einem «Knall» angesichts der unglaublich hoch scheinenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa?

Sie haben recht. Aber auch dies ist das Ergebnis der Versäumnisse der Vergangenheit. Diese Probleme kann man nicht über Nacht lösen. Was die EZB tut, ist, Zeit zu kaufen, damit die notwendigen Reformen greifen können. Doch das Zeitkaufen der EZB wird nicht genutzt. Ich komme zum Ergebnis, dass gewisse Länder der Euro-Zone unwillig oder unfähig sind, Reformen durchzuführen. Die Unwilligkeit stelle ich fest in Frankreich, die Unfähigkeit in Italien.

Gibt es vielleicht tatsächlich zwei Welten: eine germanisch-skandinavische und eine lateinische, die völlig unterschiedliche Vorstellungen haben von Wirtschaft?

Ich mag diese Unterscheidung nord-süd nicht. Denn dadurch kommen wir sehr rasch zur Diskussion um einen Nord- und Südeuro, die ich politisch und ökonomisch für nicht akzeptabel halte.

Ist es aber vielleicht eine Realität?

Wir haben ohne jeden Zweifel kulturelle Unterschiede. Mit der Einführung des Euro sind wir davon ausgegangen, dass wir eine gemeinsame Stabilitätskultur haben. Die Wirtschafts- und Währungsunion ist nach dem deutschen Modell konzipiert. Das prioritäre Ziel der EZB ist, Preisstabilität zu garantieren. Das hat in den ersten Jahren ohne Zweifel funktioniert. Doch als das Euro-Gebiet ab 2010 das Epizentrum der Krise wurde, zeigte sich, dass wir sehr unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen haben. Und man darf nicht vergessen: Erneut spielen nationale Interessen eine Rolle. Die Einheitlichkeit der Geldpolitik in einem so heterogenen Wirtschaftsraum ist sehr schwierig durchzuhalten.

Interview: Peter Vögeli