Wir sind nicht besser als die da oben

Wenn Firmen immer wieder systematisch Unrecht begehen, ist nicht nur deren Führungsriege schuld. Hier offenbart sich ein gesellschaftliches Problem, beobachtet Arbeitspsychologe Theo Wehner im Interview mit «ECO». Es nennt sich: fehlendes Unrechtsbewusstsein.

Bürofassaden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht nur nach oben zeigen. Unrecht fängt im Kleinen an. Colourbox

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Theo Wehner

Theo Wehner ist emeritierter Professor für Arbeits-u. Organisationspsychologie an der ETH Zürich. Der gebürtige Deutsche untersucht seit mehr als 40 Jahren das Zusammenspiel zwischen Arbeitswelt und Individuum. Seine Schwerpunkte sind unter anderem psychologische Fehlerforschung und kooperatives Handeln.

Die Untersuchungen laufen – und noch Monate nach dem Öffentlichwerden kreist die Diskussion um die Frage: Wie konnte ein Weltkonzern wie Volkswagen systematisch eine manipulierte Software in seine Autos einbauen?

«Das, was bei VW geschehen ist, muss man sich ja nicht so vorstellen, dass sich da drei, vier Informatiker in der Tiefgarage getroffen und ein bisschen an der Software herumgefummelt haben», sagt der emeritierte ETH-Professor für Arbeitspsychologie im Interview mit «ECO» zum Thema Arbeitszufriedenheit. «Das müssen Hunderte gewesen sein, und es müssen mehrere Hundert davon gewusst haben. Dass da keine Regulationskräfte mehr vorhanden sind, würde ich bei Sekten vermuten. Das hätte ich bei VW nie vermutet. Von daher schockiert es mich zutiefst.»

Mit dem «Blauen Montag» fängt es an

Für Arbeitspsychologe Theo Wehner zeigt sich hier ein Grundproblem unserer Gesellschaft: «Ich würde von fehlendem Unrechtsbewusstsein bei VW sprechen. Aber auch bei anderen Firmen: Das haben wir in den Banken gehabt und auch in der Pharma-Branche.»

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«ECO» zur Arbeitszufriedenheit

«ECO» zur Arbeitszufriedenheit

In einer 3-teiligen Serie stellt sich «ECO»-Moderator Reto Lipp die Frage, was uns am Arbeitsplatz gut tut – und was uns schadet.

25. April bis 9. Mai 2016

Der «Blaue Montag» sei heutzutage schon fast normal, beobachtet er. Man geht nicht zur Arbeit, weil man keine Lust oder etwas Besseres zu tun hat. «Das ist eigentlich schon ein gewisses fehlendes Bewusstsein für den Vertrag, den ich mit dem Arbeitnehmer habe», sagt Theo Wehner. Mit diesem Verhalten beginne man Toleranzen für grösseres Unrecht zu entwickeln.

«Die Norddeutschen sagen immer: ‹Der Fisch stinkt vom Kopf her›. Ich würde heute sagen: ‹Es riecht auch unangenehm von den Füssen›.»

«Unternehmen brauchen Psychologen, Philosophen, Soziologen»

Wir könnten nicht immer nur nach oben zeigen und die Schuld bei Führungskräften suchen, findet Theo Wehner. Dies entlaste uns selbst zu stark. «Wenn wir nun alle auf die Steuerhinterziehungspraktiken schauen, dann muss ich noch mal meine Steuererklärung hervornehmen und mich fragen: Wie habe ich sie eigentlich ausgefüllt?»

Für ihn ist klar: «Deshalb brauchen wir auch in Betrieben Whistleblower. Wir brauchen Leute, die mich auf etwas hinweisen.» Es sei nicht mehr nur notwendig, einen Betriebsarzt zu haben. «Wir brauchen Psychologen, unter Umständen Philosophen – oder einen Soziologen, der im Betrieb wäre und die Kommunikation und so etwas wie Gerechtigkeitsempfinden stärker in den Blick nimmt.»

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Theo Wehner über fehlendes Unrechtsbewusstsein

3:39 min, vom 9.5.2016

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Arbeitszufriedenheit Teil 3: Die Verantwortung der Unternehmen

    Aus ECO vom 9.5.2016

    Die heutige Arbeitswelt laugt einen erheblichen Anteil der Erwerbstätigen aus – und macht nicht wenige krank. Unternehmen sollten diesen Tatsachen Rechnung tragen und auf ihre Angestellten achten. Im dritten Teil der Serie sieht Reto Lipp, wie der Werkzeughersteller Hilti es schafft, zu den beliebtesten Arbeitgebern der Schweiz zu gehören. Und er lernt, dass es trotz durchgestylter Büros und Meditationsräumen am Ende um ganz andere Dinge geht.

  • Serie Arbeitszufriedenheit Teil 2: Wenn es kippt

    Aus ECO vom 2.5.2016

    Damit es Arbeitnehmern in ihrem Job gut geht, muss es ihnen möglich sein, zahlreiche Belastungen auszugleichen. Andernfalls drohen sie zu erkranken. Wie viel hält der Einzelne aus? Und wie viel ist eine Karriere wert? Im zweiten Teil der Serie trifft Reto Lipp einen Zuschauer, der von der Karriereleiter abgesprungen ist. Er hat seinen CEO-Posten an den Nagel gehängt und gegen einen Alltag eingetauscht mit deutlich weniger Geld und Prestige, aber umso mehr Leben.

  • Arbeitszufriedenheit Teil 1: Wie geht es Arbeitnehmern?

    Aus ECO vom 25.4.2016

    Wer im Job zufrieden ist, ist erfüllter, produktiver und gesünder. Wie steht es um die Arbeitnehmer in der Schweiz? Reto Lipp hat aufgerufen, über Freud und Leid bei der Arbeit zu berichten. Im ersten Teil der Serie trifft er deshalb einen Angestellten eines Grossbetriebs, der sich offen über zu wenig Wertschätzung beklagt. Laut Arbeitspsychologe Theo Wehner ist mangelnde Anerkennung das grösste Problem am Arbeitsplatz. «ECO» zeigt, welche Arbeitsbedingungen das sensible Gleichgewicht der Arbeitszufriedenheit erhalten oder stören können.