SRF News: Wie gross ist Ihre Freude an der Eröffnung des Waldhotels auf dem Bürgenstrock?
Gerd Marschall: Die Freude ist bei uns ein wenig getrübt, weil die Aufnahme des Waldhotels auf die Spitalliste aus unserer Sicht auch unerwünschte Nebenwirkungen hat und exemplarisch für eine Entwicklung steht, die wir mit Sorge betrachten.
Der Kanton Nidwalden argumentiert, es sei wichtig, dass die Leute aus dem Kanton in eine Reha-Klinik in der Nähe gehen können. Teilen Sie diese Einschätzung nicht?
Der Kanton hat ja die Aufgabe, die Versorgungssicherheit sicherzustellen. Er ist aber auch daran gebunden, dass seine Versorgungsplanung zweckmässig und wirtschaftlich ist. Aus unserer Sicht besteht kein Bedarf, diese Reha-Plätze neu zu schaffen. In der Vergangenheit bestand ja offensichtlich keine Versorgungslücke. Dass das Waldhotel auf der Spitalliste ist, ist überflüssig.
Welche Auswirkungen können solche neuen Angebote haben?
Mit solchen Luxus-Anbietern mit 5-Sterne-Setting steigt auch die Anspruchshaltung in der Bevölkerung. Und es ist natürlich ein Problem, dass die Vergütung dieser Leistungen durch eine solidarische Krankenversicherung erfolgt. Auch diejenigen, die Leistungen zulasten der Krankenversicherung selber nicht in Anspruch nehmen, finanzieren diese mit. Und das ist der Grund warum die Gesundheitskosten so massiv in die Höhe schnellen – kontinuierlich, Jahr für Jahr.
Ich halte die Argumentation des Kantons für einseitig und schwach.
Die Nidwaldner Regierung rechnet aber nicht damit, dass die Kosten trotz dieser Reha-Abteilung im Luxus-Segment steigen werden.
Ich halte die Argumentation des Kantons für einseitig und schwach. Es kann natürlich zutreffen, dass es am Schluss für den Kanton Nidwalden zu keiner Kostensteigerung kommen kann. Ich bin aber der Meinung, dass die gesundheitspolitische Verantwortung der Kantone über die Kantonsgrenze hinausgehen sollte. Die anderen Reha-Angebote bleiben ja bestehen. Das setzt negative Anreize: Die Bettenzahl will ausgelastet sein, das führt zu Mengenausweitung, dass man also vielleicht versucht, Patienten länger zu behandeln und dass man dann die Rehabilitation länger dauern lässt.
Was heisst das für die Gesundheitskosten?
Die steigen natürlich an. Irgendjemand muss die Zeche ja bezahlen. Und das ist am Ende immer der Prämienzahler.
Glauben Sie, dass in 10 bis 20 Jahren jeder Kanton seine eigene Reha-Klinik haben wird?
Dieser Trend ist vorhanden und er ist besorgniserregend. Allerdings hoffe ich, dass die gesundheitspolitische Verantwortung der Kantone am Ende überwiegt. Bei weiterhin steigenden Gesundheitskosten müsste man sich sonst die Frage stellen, ob die Kompetenz für die Versorgungsplanung bei den Kantonen am richtigen Ort ist, oder ob es nicht sinnvoller wäre, die Gesundheitsversorgung auf Bundesebene zu regeln.