Das Wallis ist voller Superlativen: Es ist der Kanton mit den meisten Viertausendern, den grössten Weingebieten und der momentan coolsten Fernsehserie der Schweiz. Das ist Fakt. Die erfolgreiche Polizeikomödie «Tschugger» spielt hingegen mit vielen Klischees. Haben diese auch etwas Wahres? Wir machen den Klischee-Check mit zwei Persönlichkeiten, die wissen, wie die Walliserinnen und Walliser ticken.
Klischee 1: Das Wallis hat eine ausgeprägte Apéro-Kultur
Im Wallis gibt es keine Stammtische wie in der Deutschschweiz, sagt Ruth Seeholzer. Im Wallis habe man die Bars. Treffpunkt sei dort, wo der Ausschank ist. Wer dazustösst, gibt gleich eine Bestellung für alle auf. «Da sitzt man dann schon mal etwas länger.» Das ist die Regel. Im Unterwallis sei es noch extremer, weiss Roger Brunner. «Da macht man die Geschäfte nicht am Sitzungstisch, sondern beim Apéro.» Im richtigen Moment am richtigen Ort einen «Ballon» ausgeben – es gebe Politiker im Wallis, die ihre ganze Karriere damit aufgebaut hätten. Und dass Jugendliche im Wallis mehr trinken als im Rest der Deutschschweiz, ist statistisch belegt.
Klischee 2: Im Wallis ist jede mit jedem verwandt oder verbandelt
Stimmt. Das Oberwallis mit seinen gut 80'000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist wie eine Kleinstadt, sagt Ruth Seeholzer. «Man kennt sich.» Manchmal sei auch die soziale Kontrolle da – die habe aber auch Vorteile. «Es ist wie eine ganz, ganz grosse Familie.»
Klischee 3: Das Wallis – ein Kanton der Charakterköpfe
«‹Charaktergrinde› gibt es schon bei uns», bestätigt Ruth Seeholzer. «Wir sagen auch ‹stuuri Stieregrinde›.» Das habe sie schon früher fasziniert, als sie sich im Wallis niederliess. Mit den Viertausendern rundherum und den vielen Naturgefahren glaubt sie, dass die Landschaft die Menschen im Wallis geprägt hat. «Das hat die Leute ein wenig rauer gemacht – ehrlicher und geradeaus.»
Walliser Persönlichkeiten
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Bild 1 von 5. Viola Amherd wurde 2018 in den Bundesrat gewählt. Sie ist die erste Verteidigungsministerin der Schweiz und gehört der Partei die Mitte an. Bildquelle: Keystone/Laurent Gillieron.
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Bild 2 von 5. Der ehemalige Schweizer Fussballfunktionär Sepp Blatter war von 1998 bis 2016 Fifa-Präsident. Bildquelle: Keystone/Laurent Gillieron.
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Bild 3 von 5. Christian Constantin – kein Unbekannter im Schweizer Fussball. Der ehemalige Torhüter und Unternehmer ist Präsident und Besitzer des FC Sion. Bildquelle: Keystone/Urs Flüeler.
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Bild 4 von 5. Der Unterwalliser Alt Bundesrat Pascal Couchepin (FDP) war von 1998 bis 2009 in der Regierung. Bildquelle: Keystone/Yannick Bailly.
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Bild 5 von 5. Der Walliser Art Furrer wanderte 1959 in die USA aus. Dort war er unter anderem Skilehrer von Leonard Bernstein. Später kehrte er in die Schweiz zurück und wurde Hotelier. Bildquelle: Keystone/Steffen Schmidt .
Klischee 4: Das Wallis lebt vom Tourismus
Falsch. «30 Prozent wird mit der Industrie verdient und 15 Prozent kommt vom Tourismus», sagt Roger Brunner. Früher war das Wallis ein reiner Bauernkanton, dann hielt die Industrie Einzug. Diese kam im Wallis günstig zu Strom. Im ganzen Kanton spiele die Industrie eine wichtige Rolle und das gehe oft vergessen, so Brunner.
Klischee 5: Das Wallis ist bekannt für seine Gastfreundschaft
Jein. Böse gesagt, nehme man gerne das Geld der Touristen, aber in den inneren Zirkel der Walliserinnen und Walliser zu kommen, sei nicht einfach, weiss Roger Brunner. Hat man es jedoch geschafft, hat man Freunde fürs Leben. Ruth Seeholzer nickt. Als sie als Deutschschweizerin Mitte der 1990er-Jahre ins Wallis kam, sei sie nicht mit den aller offensten Armen empfangen worden. «Das war am Anfang nicht einfach» – und ein Grund, weshalb sie das Walliserdeutsch angenommen habe. Wenn man auf die Leute zugehe und in den Vereinen mitmache, werde das von den Walliserinnen und Wallisern durchaus ästimiert.
Klischee 6: Walliser versteht man nicht
«Das ist so», bestätigt der Walliser Roger Brunner. An Sitzungen mit Zürchern oder Baslern heisse es etwa: «Das ist bestimmt interessant, was du gesagt hast, nur verstanden haben wir nichts.» Man müsse sich anpassen, wenn man mit Nicht-Wallisern im Gespräch sei, sagt Brunner. Das habe er lange unterschätzt. Dass die Polizeikomödie «Tschugger» untertitelt sei, könnte als Gag funktionieren, meint Brunner. Bei der rasanten Handlung und den schnell gesprochenen Dialogen seien sie aber nötig. Ohne Untertitel würden viele sagen: «Es war nicht schlecht, aber was haben sie genau gesagt?»