Es ist Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr. Carmen Alejandra liegt in ihrer Wohnung im 5. Stock eines Stadtteils von Caracas und scrollt auf ihrem Handy. Die Mitbewohnerin ist im Zimmer nebenan, als das Bett zu wackeln beginnt. Sekunden später gerät das ganze Haus ins Schwanken.
Carmen Alejandra heisst in Wirklichkeit anders: Aus Sicherheitsgründen haben wir ihren Namen geändert. Sie kritisiert die venezolanische Regierung und fürchtet deshalb Repressalien.
Musste sich am Türrahmen festhalten
«Es war ein horizontales ruckartiges Hin- und Herschwingen. Aber mit einer Kraft, so, dass wir uns festhalten mussten», erinnert sie sich. Ihre Mitbewohnerin habe ihr immer wieder zugerufen, sie solle sich unter einen Türrahmen stellen.
Die Menschen sind buchstäblich in den Armen der Rettungskräfte gestorben.
Während das Erdbeben der Stärke 7,2 die Stadt erschüttert, klammern sich die beiden Frauen am Türrahmen fest. Teller und Gläser krachen auf den Boden. «Zuerst bekam ich Angst, dann Panik. Mein ganzer Körper hat gezittert. Man fühlt sich völlig hilflos der Natur gegenüber.»
Als das Beben etwas nachlässt, begeben sich die beiden in die Tiefgarage. Andere Bewohnende des Gebäudes haben sich bereits dort versammelt. «Wir hatten weder Telefonempfang noch Strom – also blieben wir viele Stunden dort unten.»
In der Nacht gibt es zahlreiche Nachbeben. Carmen und ihre Mitbewohnerin kommen mit einem Schrecken davon. Ihr Wohnblock weist ein paar Risse auf, aber die Wohnung ist weiterhin bewohnbar.
Die Angst bleibt auch nach dem Beben
In den Tagen danach kehrt der Alltag nur langsam wieder ein. Die Schäden am Wohnblock werden untersucht und ausgebessert. Gleichzeitig sitzt der Schrecken immer noch tief: «Wenn es stark windet am Fenster, macht einen das richtig nervös.»
Carmen Alejandra weiss, dass sie vergleichsweise Glück hatte. Während ihre Wohnung weiterhin bewohnbar ist, verloren andere Menschen ihr Zuhause. Oder sogar ihre Angehörigen.
Gemäss offiziellen Angaben kamen 1450 Menschen ums Leben, weitere 3150 wurden verletzt. Die Suche nach Vermissten läuft weiter. «Was wir gerade erleben, ist verheerend: Es ist ein zweites Erdbeben, ein menschliches.»
Carmen wirft der Regierung Fehlverhalten vor
Die Städterin kritisiert die Regierung und sagt, die Rettungs- und Sicherheitskräfte seien im entscheidenden Moment nicht da gewesen. «Menschen haben nach Schaufeln, Spitzhacken und Seilen gefragt – sogar die Feuerwehr kam, hatte aber nicht mal eine Leiter dabei. Die einzigen, die geholfen haben, waren Nachbarn, Angehörige und andere Freiwillige.»
Internationale Rettungskräfte seien aus politischen Gründen nicht ins Land gelassen worden, kritisiert die Venezolanerin. «Die Menschen sind buchstäblich in den Armen der Rettungskräfte gestorben.»
Die Berichte von Carmen Alejandra decken sich mit Eindrücken anderer Menschen vor Ort. Auch SRF-Südamerika-Korrespondentin Teresa Delgado sagt: «Mehrere Rettungsteams, unter anderem eines aus Südspanien, konnten nicht einreisen – wegen bürokratischer Hürden.»
Auch Tage nach dem Erdbeben sind die Folgen allgegenwärtig. Während die Menschen weiterhin nach Angehörigen suchen, wächst die Kritik am Krisenmanagement der Regierung. Für Carmen Alejandra bleibt die Erinnerung an jene Minuten im fünften Stock – und das Gefühl, dass nicht nur die Erde versagt hat, sondern auch der Staat.