Eine Woche nach den schweren Erdbeben in Venezuela werden noch immer Tausende Menschen vermisst. Die Behörden im südamerikanischen Land melden unterdessen fast 2300 Tote. Die freie Journalistin Anne Demmer berichtet aus dem Katastrophengebiet über fehlende Koordination, überforderte Spitäler und wachsende Wut auf die Regierung.
SRF News: Wie laufen die Rettungseinsätze in La Guaira?
Anne Demmer: Gestern Dienstag gab es noch einmal eine schöne Nachricht: Ein dreijähriger Junge konnte vom jordanischen Rettungsteam lebend geborgen werden. Solche Momente sind besonders. Die Arbeit der internationalen Rettungskräfte ist sehr wertvoll, Teams aus Mexiko, Tschechien, Jordanien, Chile, Deutschland und der Schweiz.
Was erschwert die Arbeit?
Ein grosses Problem ist, dass die venezolanische Regierung nichts koordiniert. Mehrere internationale Einsatzkräfte haben mir gesagt: Sie hätten sich zwar akkreditieren müssen, danach seien sie aber weitgehend auf sich gestellt gewesen. Sie wählten demnach selbst einen Trümmerhaufen aus und würden dort mit der Suche beginnen.
Die Krise legt die Schwächen des Regimes schonungslos offen.
Wie steht es um die Versorgung der Verletzten und Zehntausenden nun Obdachlosen?
Es mangelt an allem: sauberem Trinkwasser, mobilen Sanitäranlagen, medizinischer Notversorgung und sicheren Unterkünften. Die Gesundheitsversorgung ist am Limit.
Wie zeigt sich das konkret?
Ich habe in Caracas ein staatliches Spital besucht. Ein leitender Arzt sagte mir verzweifelt, die Krise habe nicht erst mit dem Beben begonnen, sondern bestehe seit Jahren. Es gebe kein Labor und keine essenziellen technischen Geräte, es sei das Versagen des Staates. Eine richtige Versorgung sei nicht leistbar. Dazu kommt: 38 Spitäler wurden beschädigt, drei mussten geschlossen werden. Die Flut an Verletzten trifft auf Kliniken, die ohne internationale Hilfe derzeit nicht einmal die Grundversorgung sichern können.
Die Wut wächst. Die Menschen fühlen sich alleingelassen.
Was macht dieses Versagen der venezolanischen Behörden mit der Bevölkerung?
Die Wut wächst, die Menschen fühlen sich alleingelassen. Es gab bereits kleinere Proteste und Auseinandersetzungen mit Militärkräften. Übergangspräsidentin Delcy Rodriguez wurde bei einem Besuch in einem stark beschädigten Stadtteil ausgebuht. Menschen warfen ihr vor, nichts zu tun und aus der Katastrophe politisches Kapital schlagen zu wollen. Rodriguez tritt dennoch selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf und ruft zu Spenden auf.
Oppositionsführerin María Corina Machado will zurückkehren. Nutzt auch sie die Krise politisch?
Die Krise ist für sie sicher ein politischer Hebel, um das Machtvakuum in Venezuela zu füllen und den demokratischen Wandel voranzutreiben. Dafür braucht sie aber die Unterstützung von US-Präsident Donald Trump. Washington hat bereits deutlich gemacht, dass es eine Rückkehr nicht unterstützen würde. Trump hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm um das Erdöl geht. Insofern kann man davon ausgehen, dass Venezuela weiter unterstützt wird.
Wartet nach der Erdbebenkatastrophe bereits die politische Krise?
Davon ist auszugehen. Fachleute rechnen damit, dass die Regierung eher mit Härte und Repression auf den wachsenden Unmut reagieren wird, statt Reformen anzustossen. Die Krise legt die Schwächen des Regimes schonungslos offen, weshalb die politische Zukunft von Delcy Rodriguez stark davon abhängt, wie sie die kommenden Wochen der Bergung und des Wiederaufbaus bewältigt.
Das Gespräch führte Christina Scheidegger.