Wirtschaft schwach, Politik umkämpft: Schon vor dem Beben steckte das Land in einer tiefen Krise. Die Ölindustrie, die für die Wirtschaft des ganzen Landes wichtig ist, ist marode, weshalb ein Wiederaufbau derzeit nur schleppend vorangeht. Neben der wirtschaftlichen Krise ist auch die politische Lage äusserst instabil. Bei den Präsidentschaftswahlen 2024 ist der damalige Präsident Nicolás Maduro als Sieger ausgerufen worden, doch die Richtigkeit des Wahlresultats ist weltweit angezweifelt worden.
Anfang des Jahres haben die USA Maduro verhaftet und ausser Landes gebracht. Momentan regiert Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, die ehemalige Vizepräsidentin unter Maduro. Die wirtschaftliche und politische Krise führte zu einer massiven sozialen Krise in Venezuela. Acht Millionen Menschen haben das Land in den letzten Jahren verlassen.
Rettungskräfte am Limit: Die Spitäler in Venezuela sind in einem schlechten Zustand, sie haben mit Stromausfällen und fehlenden Medikamenten zu kämpfen. Zusätzlich belastet das Gesundheitssystem, dass viele medizinische Fachkräfte das Land bereits verlassen haben. Auch ohne das Erdbeben ist das Gesundheitssystem schon am Limit gewesen.
Allerdings ist jedes Land bei einer solchen Katastrophe auf internationale Hilfe angewiesen. Mehrere Staaten haben Venezuela bereits ihre Hilfe angeboten, darunter auch die Schweiz.
Bedeutung für die Menschen in Venezuela: Das Erdbeben kommt in einer Zeit, in der die Menschen in Venezuela bereits unter einer massiven sozialen Krise leiden. Die Probleme der Menschen sind existenziell, so ist es in Venezuela etwa schwierig, Lebensmittel zu bekommen.
Lateinamerika-Expertin Sabine Kurtenbach vom Giga Institut in Hamburg, befürchtet zudem, dass das tropische Klima in Venezuela die Rettung von Verschütteten erschwert. Dies, weil Verschüttete, die das Beben zwar überlebt haben, schneller verdursten und sterben können. Das Erdbeben könnte aber auch positive Aspekte haben, ist die Beobachterin überzeugt: «Es gibt Beispiele, dass eine solche Krise dazu führen kann, dass es einen Ruck gibt und die Menschen zusammenarbeiten und kooperieren. Worauf man dann auch bei anderen Themen wieder aufbauen kann.»
Bedeutung für die Regierung: Das werde im Wesentlichen davon abhängen, wie die Regierung unter Rodríguez nun ihr Krisenmanagement betreibe, sagt Kurtenbach. Haben die Menschen das Gefühl, dass sich die Regierung kümmert und Hilfe bei ihnen ankommt, kann dies das Vertrauen in die Regierung schärfen.
Das Erdbeben kann ein Wendepunkt sein.
Wenn die Regierung aber versage, dann verspiele sie den letzten kleinen Rest an Vertrauen, was zu Protesten führen könne. «Das Erdbeben kann ein Wendepunkt sein», sagt Sabine Kurtenbach weiter.
Bedeutung für die Opposition: Die Opposition könnte jetzt zeigen, dass sie doch handlungsfähig ist und es ihr in erster Linie um das Land geht und nicht um ihre eigenen Interessen. Zudem könnte es jetzt eine Möglichkeit geben, um Brücken zur Regierung zu bauen.
Kurtenbach sagt, dass sich jetzt auch die Frage stelle, ob Oppositionsführerin María Corina Machado nach Venezuela zurückkehre und so den Menschen zeige, dass sie sich am Wiederaufbau beteilige. «Sie könnte jetzt aber auch komplett marginalisiert werden, weil sie eben nicht im Land ist und weil sie deshalb auch keine Unterstützung leisten kann.»