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Philosophin Susanne Boshammer
Aus Gast am Mittag vom 02.04.2021.
abspielen. Laufzeit 26:50 Minuten.
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Die zweite Chance Philosophin: «Menschen, die verzeihen, heben keine Schuld auf»

Verzeihen zu können gilt allgemein als Heilmittel für seelische Wunden und als Signal der Nächstenliebe. Oft bewundern wir Menschen, die verzeihen können, denn jeder weiss, wie schwer das sein kann. Doch ist es wirklich immer richtig, wenn wir jemandem verzeihen?

Im Interview erzählt die Philosophieprofessorin und Autorin Susanne Boshammer, welche Gründe dafür und welche dagegen sprechen, jemandem eine zweite Chance zu geben.

SRF: Frau Boshammer, was spricht denn dafür jemanden zu verzeihen?

Susanne Boshammer: Wenn wir jemandem verzeihen, erlauben wir der anderen Person, ihr Gewissen zu entlasten. Wir heben nicht die Schuld auf, aber wir sagen, was mich betrifft, musst du dir das, was du da getan hast, nicht mehr zum Vorwurf machen. Du darfst, wenn man so will, wieder ruhig schlafen oder mit dir selbst ins Reine kommen. Und was dafür spricht, ist natürlich neben dem Argument, dass ich grad genannt habe, die Fairness, das darin etwas zum Ausdruck kommt, dass man als Menschlichkeit bezeichnet könnte. Wer verzeiht, reduziert den anderen nicht auf diese eine Tat, sondern anerkennt, dass er ein Mensch ist und Menschen sind immer mehr, als das was sie tun.

Wenn man Gras über etwas wachsen lässt, in dem man verzeiht, ermöglicht man, dass aus diesem Boden, der mit diesem Unrecht getränkt ist, wieder was Neues entstehen kann. Was Grünes Wachsendes, Lebendiges.
Autor: Susanne BoshammerPhilosophin

Und was spricht dagegen jemandem keine zweite Chance zu geben und nicht zu verzeihen?

Die Gründe nicht zu verzeihen, haben oft mit Gerechtigkeitsüberlegungen zu tun. Also mit dem Gedanken, dass es in Ordnung ist, wenn Menschen unter dem Unrecht, das sie anderen zufügen, auch selber leiden. Also wenn sie es sich damit nicht zu leicht machen. Und ein anderer, für mich sehr wichtiger Aspekt, ist der Gedanke der Selbstachtung. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die Menschen einander antun, die nicht so schnell verziehen werden sollten, als dass es der Respekt vor uns selbst verlangt, dass wir es dem anderen nicht zu leicht machen.

Verzeihen bedeutet aber nicht, dass wir die Schuld aufheben?

Man muss sich klar machen, dass Verzeihen nichts ungeschehen macht. Es ist nicht so, als sei etwas nicht geschehen. Ganz im Gegenteil. Indem wir jemanden etwas verzeihen, anerkennen wir die Schuld und betonen sie sogar. Aber wir fangen damit etwas an. Es gibt diese Redeweise, dass man Gras über eine Sache wachsen lassen sollte. Das ist ein mächtiges Bild, weil man sich denkt, ach ja super, wenn da Gras drüber wächst und hoffentlich niemand kommt, der das wegfrisst, dann sieht man das nicht mehr. Dann ist es so, als sei es gar nicht da. Ich könnte mir vorstellen, dass es hilfreich ist, das Bild anders zu deuten. Wenn man Gras über etwas wachsen lässt, in dem man verzeiht, ermöglicht man, dass aus diesem Boden, der mit diesem Unrecht getränkt ist, wieder was Neues entstehen kann. Was Grünes, Wachsendes, Lebendiges. Das ermöglicht die Geste des Verzeihens jedenfalls dann, wenn sie gelingt.

Ein für mich sehr wichtiger Aspekt ist der Gedanke der Selbstachtung. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die Menschen einander antun, die nicht so schnell verziehen werden sollten, als dass es der Respekt vor uns selbst verlangt.
Autor: Susanne BoshammerPhilosophin

Wann würden sie denn sagen ist es richtig, dass man jemandem keine zweite Chance gibt?

Mit Blick auf diese Frage hängt unglaublich viel vom Einzelfall ab. Allgemeine Hinweise sind etwa die, dass es gut überlegt sein will, ob man tatsächlich, wie es in der Bibel steht, 7 x 70- mal verzeiht. Also immer wieder verzeiht. Wenn wir erleben, dass wir es in der anderen Person mit einer Art Wiederholungstäterin zu tun haben oder einem Wiederholungstäter jemanden, der immer wieder über unsere Ansprüche hinweggeht, dann glaub ich, ist es richtig, mit dem Verzeihen zurückhaltend zu sein. Unter anderem aus dem Grund, dass wir ansonsten riskieren, dass der andere den Eindruck gewinnt, dass man das mit uns machen kann. Wir müssen auch selber unsere Rechte behaupten und hochhalten, wenn wir dafür sorgen wollen, dass andere Menschen sie nicht verletzen. Und dazu gehört, dass wir eine Art rote Linie ziehen und sagen, das ist jetzt für mich unverzeihlich, hier ist zu viel passiert oder zu oft dasselbe. Es liegt nicht nur daran, was der andere mir angetan hat, sondern auch vielleicht, was in der Vergangenheit geschehen ist, welche Erfahrungen man sonst miteinander gemacht hat. Das alles spielt mit rein. Deshalb kann man einen allgemeinen Tipp nicht geben.

Können wir denn das Verzeihen üben?

Beim üben hört sich das immer so, wie wenn man ein Musikinstrument spielt, dass man mit der Zeit besser spielt. Also je öfter man es macht, desto schneller gehts oder desto leichter fällt es oder desto besser kann man es. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das beim Verzeihen in dem Sinne funktioniert, weil es dabei ja immer wieder um neue und andere Situationen und oft auch um andere Menschen geht. Was ich aber schon glaube, ist, dass wir uns üben können in einer Haltung der Vergebungsbereitschaft. Das heisst nicht, dass wir uns darin üben sollten immer häufiger und möglichst alles und sofort zu verzeihen, sondern einander in der Erkenntnis zu begegnen, dass der andere nicht nur ein Mensch ist, sondern er ist immerhin ein Mensch. Menschen sind immer mehr als das, was sie tun. Das gilt auch für uns selbst, auch wenn wir uns selbst nicht verzeihen können oder mit uns selbst nicht versöhnen können. Wir sollten die Haltung der Humanität einüben, dass auch ich ein Mensch bin und Menschen machen Fehler und Menschen haben das Privileg aus diesen Fehlern etwas lernen zu können. Das Verzeihen kann uns manchmal dabei helfen.

Das Gespräch führte Sandra Schiess.

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