Er ist niedlich, intelligent – und eine Plage: Der Waschbär breitet sich in der Schweiz rasant aus. Im März ist seine Paarungszeit. Nicht zur Freude derer, denen der Waschbär einen Hausbesuch abstattet. Wildtierbiologin Sarah Hummel erklärt, warum das Tier eine invasive Art ist und wir lernen müssen, mit ihm zu leben.
SRF: Waschbären sehen herzig aus. Warum sind sie ein Problem?
Sarah Hummel: Sie sind tatsächlich herzig und das ist mit ein Problem. Dadurch ist es schwierig zu vermitteln, dass sie tatsächlich ein Problem darstellen.
Wir werden uns auf jeden Fall an den Waschbären gewöhnen müssen.
Wir reden nicht nur von einer gebietsfremden Art, sondern leider auch von einer invasiven Art. Invasiv ist sie dann, wenn sie einen Einfluss auf einheimische Arten haben kann – auf Amphibienbestände und auf bodenbrütende Vögel, die auf Grund des Lebensraumverlusts so oder so schon unter Druck sind.
Im Jahr 2020 hat man die ersten Waschbären in der Schweiz entdeckt. Kehrt der Waschbär in einen alten Lebensraum zurück, wo er früher einmal gelebt hat – analog dem Wolf, Biber und Frischotter?
Leider nicht. Deshalb sprechen wir von einer gebietsfremden, eingeschleppten Art.
Waschbären sind nachtaktiv und passen sich schnell ihrer Umgebung an. Weiss man, wie viele Waschbären es in der Schweiz bereits gibt?
Genaue Zahlen sind bei Wildtieren schwierig zu erheben. Was wir feststellen, ist eine Zunahme der Beobachtungen. Wir haben von wenigen Einzelbeobachtungen um die Jahrtausendwende herum mittlerweile mehrere hundert Beobachtungen pro Jahr. Man sieht die Zunahme auch in der Jagdstatistik. 2016 gab es einen Abschuss, mittlerweile sind wir bei 69 pro Jahr. Da sieht man eine starke Zunahme.
Waschbären werden bejagt – bringt das etwas?
Es nützt insofern etwas, dass ein hoher Jagddruck die Ausbreitungsgeschwindigkeit etwas bremsen kann. So kann man etwas Zeit gewinnen, um andere Massnahmen umzusetzen. Es wird längerfristig aber nicht dazu führen, dass wir die Art wieder loswerden. Das ist illusorisch. Wir werden uns auf jeden Fall an den Waschbären gewöhnen müssen.
Was kommt auf uns zu?
Privatpersonen werden in absehbarer Zeit merken, dass der Waschbär gerne Städte besiedelt und mit menschlichen Siedlungsräumen gut zurechtkommt.
Der Waschbär ist sehr frech und intelligent.
Es ist eine Art, die gut in Häuser eindringen und dort eine Spur der Verwüstung hinterlassen kann. Der Waschbär kommt durch den Kamin hinein, er nistet sich im Dachstock ein. Das heisst Lärm und Geruchsbelästigungen.
Der Waschbär ist sehr frech und intelligent. Mit seinen beweglichen Fingern kann er alles aufmachen – Mülltonnen und vieles mehr. Vorstellbar ist auch, dass er Gartenteiche ausräumt oder Obstbäume schädigt.
So, dass er zur Plage wird?
In Einzelfällen kann es unangenehm werden.
Was soll man tun, wenn man einen Waschbären sieht?
Am besten macht man eine Meldung bei der Wildhut. Jeder Kanton hat eine kantonale Jagdverwaltung, einzelne Kantone haben Wildhüter.
Das Gespräch führte Michael Brunner.