«Ich bin unter die Dusche und mit dem Kopftuch wieder rausgekommen», sagt die 45-Jährige. Das war nach der Geburt ihres zweiten Sohnes. Die Entscheidung sei ein langwieriger Prozess gewesen, den sie mit niemandem besprochen habe. Nicht einmal mit ihrem Ehemann.
«Meinem Mann gegenüber war es ein bisschen egoistisch», sagt Serifi heute. Viele Leute dachten, es sei seine Idee gewesen. Aber Nuran Serifi hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Nur mitbestimmen lassen wollte man sie lange nicht.
«Die Anfangszeit in der Schule war Horror»
Serifis Eltern sind vor rund 40 Jahren aus Mazedonien in die Schweiz ausgewandert. Zuerst mit den drei älteren Kindern, dann kam Nuran Serifi nach. Erklärt wurde ihr vor der Abreise nichts. Sie wusste nur, dass es in die Schweiz gehen soll. Bei Ankunft war sie zuerst ein bisschen enttäuscht: «Es hiess immer, die Schweiz sei so reich. Ich hatte mir alles golden vorgestellt. Aber dann waren die Blätter auch grün und die Bäume aus Holz.»
Harzig war auch der Start in Deisswil, einem Dorf nahe Ostermundigen BE. Serifi sprach kein Wort Deutsch: «Die Anfangszeit in der Schule war Horror. Ich konnte mich mit keinem anderen Kind unterhalten.» Letztlich sei es aber ein Vorteil gewesen, dass es in der kleinen Gemeinde kaum Familien mit Migrationshintergrund gab.
Die Unterschrift auf dem Lehrvertrag gefälscht
Nuran Serifi und ihr Bruder im Schulalter hatten keine andere Wahl, als Deutsch zu lernen. Anstatt des regulären Deutschunterrichts durften sie in die Nachhilfe zu einer Lehrerin im Mutterschaftsurlaub. Das Pauken hat sich gelohnt: Heute spricht Serifi breiten Berner Dialekt.
Manchmal hiess es: Nimm das Kopftuch weg, dann kannst du bei uns anfangen.
In ihrem Leben trafen immer wieder zwei Welten aufeinander – etwa, als es um ihre Lehre ging. «Meine Eltern hielten es für sinnlos, einen Beruf zu lernen. Aus ihrer Sicht sollte ich heiraten und eine Familie gründen», sagt Nuran Serifi. Doch im Gespräch mit ihren beiden älteren Schwestern sei ihr klar geworden, dass es ohne Ausbildung in der Schweiz schwer werden würde.
Am Ende fälschte Nuran Serifi die Unterschrift ihrer Eltern auf dem Lehrvertrag als Detailhandels-Angestellte. Herausgekommen sei das nie.
Keine Stelle mit Kopftuch
Mittlerweile arbeitet Nuran Serifi schon seit Jahren nicht mehr im Verkauf. Das hängt auch damit zusammen, dass sie Kopftuch trägt.
Eine wohlüberlegte Entscheidung, die sich über eineinhalb Jahre hinzog. Über den Entscheidungsprozess sprach sie jedoch mit niemandem. Auch ihren Ehemann stellte sie vor vollendete Tatsachen: «Er sagte, solang sich der Inhalt nicht ändert, sei es für ihn in Ordnung.»
Doch für viele Arbeitgeber in der Schweiz war es das nicht. Mit Kopftuch gab es auf ihre Bewerbungen viele Absagen. Oft war die Begründung, sie sei überqualifiziert. «Manchmal hiess es aber auch: Nimm das Kopftuch weg, dann kannst du bei uns anfangen», sagt Serifi.
Für Serifi, die als Sunnitin aufgewachsen und sich entschieden hat, als Schiitin zu leben, keine Option. Als praktizierende Muslima betet sie fünfmal am Tag, auch frühmorgens vor Sonnenaufgang. Statt Verkäuferin zu bleiben, nahm sie eine andere Route und wurde Fahrlehrerin.
Mit dem Autofahren verbindet sie vor allem Freiheit. Etwas, dass sie nicht immer hatte – aber sich stets genommen hat.