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Mundartsterben
Aus Dini Mundart vom 25.10.2021.
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Dialektsterben Aber Schweizerdeutsch wird überleben

Heute existieren weltweit zwischen 6000 und 7000 Sprachen oder Dialekte. Die meisten von ihnen werden aber in 100 Jahren ausgestorben sein, so eine deprimierenden Prognose der Unesco. Hat da unser Schweizerdeutsch noch eine Chance?

Sprachen sind keine Lebewesen

Wir sind uns gewohnt, Sprachen als Lebewesen zu betrachten, die gedeihen und absterben können. Dabei sind sie nüchtern betrachtet einfach Kommunikationswerkzeuge, mit denen wir den Alltag bewältigen. Deshalb spiegeln sie präzise die aktuelle Lebensrealität und passen sich dieser stets an. Insofern können Sprachen oder Dialekte nicht sterben. Sie wandeln sich oder sie kommen ausser Gebrauch.

Der Todestag einer Sprache

Das ist natürlich spitzfindig. Denn tatsächlich verschwindet alle vierzehn Tage eine Sprache auf der Welt, ob man das nun «sterben» nennt oder «verwandeln». Manchmal kennt man sogar das Todesdatum: Am 7. Oktober 1992 starb Tevfik Esenç. Auf seinem Grabstein steht: «Er war der letzte Mensch, der die Sprache beherrschte, die man Ubychisch nennt». Ubychisch war eine kaukasische Sprache, die ursprünglich an der östlichen Schwarzmeerküste beheimatet war.

Jiddisch aus dem Surbtal ist verklungen

Aber so weit weg müssen wir gar nicht suchen. In den 1980er Jahren starben die letzten Menschen, die «echtes» Surbtaler Jiddisch sprachen. Juden durften sich in der Eidgenossenschaft jahrhundertelang nur in den beiden Aargauer Gemeinden Lengnau und Endingen niederlassen. Dort bildete sich eine grosse jüdische Gemeinde mit einem eigenen Dialekt.

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So klingt Surbtaler Jiddisch
Aus DOK vom 22.01.2015.
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Surbtaler Jiddisch gehörte zum Westjiddischen und war eine Mischung aus Hebräisch und dem Frühneuhochdeutsch der Gegend. Als die Niederlassungsbeschränkung für Juden im späten 19. Jahrhundert aufgehoben wurde, löste sich die jüdische Gemeinde im Surbtal allmählich auf. Und mit ihr auch die eigene Sprache.

Mattenenglisch ist heute Folklore

Ein anderes Beispiel für einen «verstorbenen» Dialekt ist Mattenenglisch, die Geheimsprache des Berner Mattequartiers. Clubs und Vereine pflegen es zwar liebevoll wie ein Brauchtum. Aber als Alltagssprache, mit der man sich von den Bernburgern der Oberstadt abgrenzt, hat es seine Funktion längst verloren.

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Sprachkurs in Mattenenglisch
Aus Schweiz aktuell vom 27.08.1997.
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Hochsprachen ersetzen Dialekte

Lang ist die Liste der «todgeweihten» Dialekte, allein im deutschen Sprachraum: Vom Saterfriesischen im Norden über das Elsässische bis zum Gurinertitsch, dem Walserdialekt von Bosco Gurin im Tessin. Alle diese Dialekte werden in einem langsamen Prozess von einer dominanten Umgebungssprache abgelöst: In Norddeutschland vom Standarddeutschen, im Elsass vom Französischen, in Bosco Gurin vom Italienischen.

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Bosco/Gurin: Ein Dorf kämpft um seine Sprache
Aus Radio SRF 1 vom 19.09.2019.
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Vom Sprachwechsel bis zum Sprachtod

Häufig «stirbt» eine Sprache oder ein Dialekt in drei Phasen. Zuerst beginnen die Sprecherinnen und Sprecher, die dominante Sprache der Muttersprache vorzuziehen. Nach diesem Sprachwechsel folgt der Sprachzerfall, wenn die Eltern ihren Kindern die einstige Muttersprache nicht mehr richtig weitergeben können. Schliesslich bleiben von der Muttersprache höchstens noch einzelne Wörter oder regionale Lautmerkmale übrig. Danach gilt die Sprache als tot.

Schweizerdeutsch stirbt nicht!

Einzelne isolierte Kleindialekte mögen in der Schweiz verschwinden. Das Schweizerdeutsche an sich verschwindet aber nicht unter irgendeiner dominanten Sprache. Trotz aller Anglizismen und Germanismen reden wir unbestritten weiterhin Mundart. Und weil wir unsere Mundarten im täglichen Gebrauch den wandelnden Bedürfnissen flexibel anpassen, bleiben sie gewissermassen ewig jung. Zwar weiss niemand, wie wir in 100 Jahren sprechen. Aber es wird wohl immer noch eine regionaltypische mündliche Alltagssprache sein.

Radio SRF 1, «Mundart», 29. Oktober 2021, 9.40 Uhr;

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64 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Sprache lebt, verändert sich. Doch ich mag keine Artikel/Kommentare, in denen jedes fünfte Wort ein Fremdwort, ein Anglizismus, oder ein Hochdeutscher Begriff unsere Sprache, inkl. Helvetismen, ersetzt. Das hier oft verwendete scharfe S, werde ich nie gebrauchen. Es gehört nicht zu unserer Sprache, wird nicht an unseren Schulen gelehrt. Einfluss der Medien? Ja und da frage ich mich schon, gibt es überhaupt noch Journalist:innen, die einen reinen deutschen Text inkl. Helvetismen schreiben können?
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    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Ebensostörend finde ich jegliche Doppelpunkte, Sternchen oder Genderneutrale Formulierungen. Dieses wirken unnatürlich, stören den Lesefluss massiv und sind schlicht und einfach nicht nötig. Ein Grund wieso viele Anglizismen gebraucht werde ist, um unnötige Doppelformulierungen zu vermeiden. Ich zB. verwende nun einfach konsequent das englisch "user" statt Benutzerinnen und Benutzer oder Benutzer*innen
    2. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Ich finde da einige Fremdworte in Ihrem Kommentar: Artikel von lateinisch articulus (Abschnitt, Teil, Teilchen); Kommentar, ebenfalls Latein; Anglizismus, von Latein anglicus. Weiter mache ich jetzt nicht, aber da sind noch mehr… Ab wann darf ein Wort Ihrer Meinung nach als Deutsch gelten? Warum sollte „Velo“ Deutsch sein, „Bike“ aber nicht?
    3. Antwort von Esther Jordi  (ejejej)
      Nein, Herr Meyer, diese Journalisten gibt es leider schon länger nicht mehr. Und, sorry, weil Sie das auch verwendet haben: Dieses Gender-Doppelpunkt ist auch total absurd.
    4. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Wie bitte ist denn Ihre Lösung zur Geschlechter-Gleichstellung in der deutschen Sprache? Hätte ich mehr Zeichen zur Verfügung, könnte ich Doppelpunkte und sonstwas problemlos umgehen. Was für mich nicht mehr infrage kommt, ist nur die männliche Form zu verwenden. Ich finde es irgendwie überheblich in der heutigen Zeit nach wie vor von Zuschauern und Zuhörern zu reden. An Sternchen, Doppelpunkte kann Mann und auch Frau sich gewöhnen. An nicht angesprochen zu werden, nicht.
    5. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Kleffel, Natürlich hat es ehemalige Fremdwörter in meinem Text. Wie bereits erwähnt, Sprache verändert sich. Doch ich denke, das hat mit der Geschwindigkeit und der Anzahl der Begriffe zu tun. Velo oder Bike ist mir eigentlich egal. Mir geht es eher um die Begriffe, die umgangssprachlich nicht verwendet werden. Fachliche Begriffe, die nur Menschen geläufig sind, die damit zu tun haben. Oder können Sie sich etwas vorstellen unter lateral von medial auf dorsal bezogen im Kontext zur Balance.
    6. Antwort von Florian Leisering  (Berliner Bär)
      Das ß gibt es erst seit 2006 offiziell nicht mehr in der Schweiz. Allerdings wurde es seit Ende des 2. WK immer weniger gebraucht. Es hat also Jarhunderte zum Schriftbild unserer Sprache gehört.

      Ich persönlich finde das ß sehr sinnvoll und finde es schade, dass sich davon verabschiedet wurde.

      Oder erkennen Sie den gesprochenen Unterschied vom Busse und Busse?
    7. Antwort von Rolf Landolt  (RolfLandolt)
      Florian Leisering (Berliner Bär): «Offiziell kein ß» = ß in der schule nicht gelehrt. Das ist seit den 1930er jahren so; 2006 hat sich nichts geändert. Auch die zeit um den 2. weltkrieg spielt keine rolle. Angefangen hat es damit, dass die fraktur in der Schweiz früher auf dem rückzug war. Vor 100, 150 jahren fehlte das zeichen in vielen antiquadruckschriften und auf schreibmaschinen. Auf schweizerische schreibmaschinen hat es das ß nie geschafft, was wohl entscheidend war.
  • Kommentar von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
    Das im Artikel angesprochene Elsässisch hat es wirklich schwer. Als das Gebiet nach dem Krieg wieder an Frankreich ging , sorgten sich die Franzosen darum , das Deutsche dort wegzubringen. Irgendwie verständlich. Ich arbeite mit einigen Elsässer zusammen. Die Älteren können den Dialekt, der für einen Zürcher oder Berner nach einem Basler klingt. Erstaunlich ist aber, dass jüngere , welche neu in Basel arbeiten zuerst wenig verstehen, dann aber allmählich Elsässisch sprechen
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    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Schwarb, Kann eine Zürcherin, oder eine Baslerin den elsässischen vom baseldeutschen Dialekt wirklich nicht unterscheiden? Die tönen doch total unterschiedlich. Dass das eine Hochdeutsch sprechende Person nicht kann, einverstanden, doch eine Dialektsprechende sollte den Unterschied heraus hören. Ihren letzten Satz verstehe ich nicht. Welche "jüngere"? Warum in Basel arbeiten und dann Elssäsich sprechen?
  • Kommentar von Nina Huesser  (Blume.n)
    @srf: was ist die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen einer Sprache und einem Dialekt?
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    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Ein Dialekt ist eine (idR. regionale) Ausprägung einer Sprache. Weiter spricht man zum Beispiel von Soziolekt, wenn man noch feinere Ausprägungen wie das Deutsch einer spezifischen Gruppe beschreiben will, zum Beispiel das von Secondos geprägte (Schweizer-) Deutsch.
    2. Antwort von Esther Jordi  (ejejej)
      Frau Huesser, googeln Sie bitte mal nach "Ist Schweizerdeutsch eine Sprache oder ein Dialekt". Dort wird Ihnen ein Link "Linguistik" der Uni Zürich angezeigt, der Ihre Frage etwas beantworten könnte. Ich darf den Link hier offenbar nicht setzen, SRF hat was dagegen.