Rotwelsch – das ist eine Sondersprache, die einst von jenen Menschen im deutschsprachigen Raum genutzt wurde, die am Rande der Gesellschaft lebten. Einige Ausdrücke haben Eingang in die Alltagssprache gefunden.
Tschugger
Dieser umgangssprachliche Ausdruck für einen Polizisten kommt nicht etwa von Tschugg im Berner Seeland, sondern aus dem Rotwelschen. Der Ursprung des Wortes ist nicht ganz gesichert. Vermutlich geht er auf hebräisch «chakár» (‹er hat gespäht›) zurück. Ein «Tschugger» wäre also wörtlich ein Späher.
Schmiere stehen
«Schmiere stehen» und auch der schweizerdeutsche Ausdruck «Schmier» für die Polizei kommen von jiddisch «schmíre» (‹Wache, Bewachung›).
Wüsse, wo de Bartli de Moscht holt
Die Redewendung ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Sie spielt auf die Rotwelsch-Ausdrücke «Barsel» (‹Brecheisen›) und «Moos» (‹Geld›) an.
Beide Ausdrücke kamen aus dem Hebräischen über das Jiddische ins Rotwelsch. «Barsel» ist jiddisch, abgeleitet von hebräisch «barzél» für ‹Eisen›. «Moos» geht auf hebräisch «ma'ót» (‹kleine Münze›) zurück.
Beiz
Der schweizerische Ausdruck «Beiz» für ein einfaches Restaurant geht zurück auf hebräisch «bájit» (‹Haus›). Über das Jiddische kam das Wort als «Baiss» ins Rotwelsche, wo man es ab dem 15. Jahrhundert für ein Wirtshaus oder eine Herberge verwendete.
Erst im 19. Jahrhundert übernahm man das Wort in der Form «Beiz» in die schweizerdeutsche Umgangssprache.
iu, Gieu
Der «Bärner Gieu» kommt aus dem Matteberndeutschen, früher die Umgangssprache des Berner Mattequartiers. Dort lebten bis ins 19. Jahrhundert Flösser, die Waren bis nach Zurzach auf den Jahrmarkt und zurück transportierten. Dort trafen sie auf Händler, Fahrende oder Bettler, von denen sie rotwelsche Ausdrücke zurück nach Bern brachten – darunter auch «Giel».
Das Wort wurde bereits im Mittelalter aus dem Französischen «gueule» (‹Maul, Schnauze›) ins Deutsch entlehnt und bezeichnet im Jenischen den Mund. Wohl erst im Matteberndeutschen ging die Bedeutung vom Mund auf den Buben über. Vielleicht, weil manche Jungen Grossmäuler sind?
Auch «iu» für ‹ja› gelangte über das Mattequartier ins allgemeine Berndeutsch. Es kommt von jenisch «jell», was ebenfalls ‹ja› bedeutet.
Zaster blechen
Da Rotwelsch unter anderem von Bettlern und Tagelöhnern gesprochen wurde, gibt es etliche (schweizer)deutsche Ausdrücke für ‹Geld› und ‹bezahlen›, die aus dem Rotwelschen stammen.
«Zaster» geht zurück auf das Romanes-Wort «sáster» (‹Eisen, Blech›). Im Rotwelschen Deutschlands und Luxemburg nahm es die Bedeutung ‹Geld› an. Wie Blech sind auch Münzen im Wesentlichen flaches Metall. Im Schweizer Jenischen hingegen bezeichnet man damit weiterhin Eisen.
«Blechen» oder schweizerdeutsch «bläche» für ‹bezahlen› ist abgeleitet von rotwelsch «Blech» (‹Geld›), das sich wie «Zaster» erklärt.
Chiis tugge
«Chiis» als umgangssprachlicher Ausdruck für Geld könnte von jiddisch und hebräisch «késsef» (‹Geld, Silber›) abgeleitet sein.
Eine andere Möglichkeit ist eine Bedeutungsübertragung von rotwelsch «Kies» (‹Stein›). Dazu würde passen, dass man im Schweizerdeutschen auch «Stei» für ‹Franken› sagen kann.
Schweizerdeutsch «tugge» oder «togge» heisst wörtlich ‹schlagen›, im Jenischen aber auch ‹geben› und ‹zahlen› – vielleicht wegen der Vorstellung von auf die Hand geschlagenem Geld.
Kaff
Der abschätzige Ausdruck «Kaff» für ein Dorf ist bereits seit dem 16. Jahrhundert im Rotwelschen belegt. Er stammt aus dem Romanes, der Sprache der Roma, in der ein Dorf «gaw» genannt wird.