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Geheimsprache Rotwelsch Woher der «Tschugger» wirklich kommt

Rotwelsch – das ist eine Sondersprache, die einst von jenen Menschen im deutschsprachigen Raum genutzt wurde, die am Rande der Gesellschaft lebten. Einige Ausdrücke haben Eingang in die Alltagssprache gefunden.

Tschugger

Dieser umgangssprachliche Ausdruck für einen Polizisten kommt nicht etwa von Tschugg im Berner Seeland, sondern aus dem Rotwelschen. Der Ursprung des Wortes ist nicht ganz gesichert. Vermutlich geht er auf hebräisch «chakár» (‹er hat gespäht›) zurück. Ein «Tschugger» wäre also wörtlich ein Späher.

Schwarzweissfoto eines Polizisten und dreier Buben Mitte 20. Jahrhundert.
Legende: Ein «Tschugger» zeigt 1958 Schulbuben in Lyss das richtige Verhalten mit dem Velo. Keystone/Joe Widmer

Schmiere stehen

«Schmiere stehen» und auch der schweizerdeutsche Ausdruck «Schmier» für die Polizei kommen von jiddisch «schmíre» (‹Wache, Bewachung›).

Was ist Rotwelsch?

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Rotwelsch nennt man verschiedene, miteinander verwandte Sprechweisen von gesellschaftlichen Randgruppen im deutschen Sprachraum. Diese Sondersprache entstand im Mittelalter als gemeinsame Mundart von Bettlern, Fahrenden, Prostituierten und andere Gruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert und an den Rand gedrängt wurden.

Weil diese Gruppen an Jahrmärkten oder auf Landstrassen regen Kontakt mit jüdischen Händlern hatten, finden sich im Rotwelschen besonders viele Lehnwörter aus dem Jiddischen, welches wiederum einen grossen Teil seines Wortschatzes aus dem Hebräischen hat. Auch Einflüsse aus dem Romanes, der Sprache der Roma gibt es im Rotwelschen. Für die Mehrheitsgesellschaft war Rotwelsch kaum verständlich und wurde deshalb auch als «Geheimsprache» bezeichnet.

Rotwelsch befruchtet und verschwindet

Je nach Stadt oder Region konnte das Rotwelsch sehr unterschiedlich klingen. Im 19. und 20. Jahrhundert weichten sich die Grenzen zwischen gesellschaftlichen Gruppen allmählich auf und so gelangten immer mehr rotwelsche Ausdrücke in die Umgangssprachen von Soldaten, Schülern und Studenten und von da in die Alltagssprache der Mehrheitsgesellschaft.

Heute wird Rotwelsch kaum mehr gesprochen. Eine Ausnahme ist das Jenische, die Sprache der Schweizer Fahrenden, die auch als Rotwelsch-Dialekt betrachtet werden kann.

Wüsse, wo de Bartli de Moscht holt

Die Redewendung ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Sie spielt auf die Rotwelsch-Ausdrücke «Barsel» (‹Brecheisen›) und «Moos» (‹Geld›) an.

Beide Ausdrücke kamen aus dem Hebräischen über das Jiddische ins Rotwelsch. «Barsel» ist jiddisch, abgeleitet von hebräisch «barzél» für ‹Eisen›. «Moos» geht auf hebräisch «ma'ót» (‹kleine Münze›) zurück.

Beiz

Der schweizerische Ausdruck «Beiz» für ein einfaches Restaurant geht zurück auf hebräisch «bájit» (‹Haus›). Über das Jiddische kam das Wort als «Baiss» ins Rotwelsche, wo man es ab dem 15. Jahrhundert für ein Wirtshaus oder eine Herberge verwendete.

Eine Wirtsstube Mitte 20. Jahrhundert. Drei Männer sitzen an einem Tisch.
Legende: Offiziell «Restaurant Jakobsbrunnen» geheissen, wurde dieses Arbeiterlokal im Zürcher Niederdorf umgangssprachlich wohl oft «Beiz» genannt. Keystone/Photopress Archive

Erst im 19. Jahrhundert übernahm man das Wort in der Form «Beiz» in die schweizerdeutsche Umgangssprache.

iu, Gieu

Der «Bärner Gieu» kommt aus dem Matteberndeutschen, früher die Umgangssprache des Berner Mattequartiers. Dort lebten bis ins 19. Jahrhundert Flösser, die Waren bis nach Zurzach auf den Jahrmarkt und zurück transportierten. Dort trafen sie auf Händler, Fahrende oder Bettler, von denen sie rotwelsche Ausdrücke zurück nach Bern brachten – darunter auch «Giel».

Das Wort wurde bereits im Mittelalter aus dem Französischen «gueule» (‹Maul, Schnauze›) ins Deutsch entlehnt und bezeichnet im Jenischen den Mund. Wohl erst im Matteberndeutschen ging die Bedeutung vom Mund auf den Buben über. Vielleicht, weil manche Jungen Grossmäuler sind?

Auch «iu» für ‹ja› gelangte über das Mattequartier ins allgemeine Berndeutsch. Es kommt von jenisch «jell», was ebenfalls ‹ja› bedeutet.

Zaster blechen

Da Rotwelsch unter anderem von Bettlern und Tagelöhnern gesprochen wurde, gibt es etliche (schweizer)deutsche Ausdrücke für ‹Geld› und ‹bezahlen›, die aus dem Rotwelschen stammen.

«Zaster» geht zurück auf das Romanes-Wort «sáster» (‹Eisen, Blech›). Im Rotwelschen Deutschlands und Luxemburg nahm es die Bedeutung ‹Geld› an. Wie Blech sind auch Münzen im Wesentlichen flaches Metall. Im Schweizer Jenischen hingegen bezeichnet man damit weiterhin Eisen.

Eine Hand lässt eine Münze in die offene Hand einer anderen Person fallen.
Legende: Nüchtern gesehen wechselt bei einer Zahlung ein Stück rundes Blech den Besitzer. Depositphotos/Fukume

«Blechen» oder schweizerdeutsch «bläche» für ‹bezahlen› ist abgeleitet von rotwelsch «Blech» (‹Geld›), das sich wie «Zaster» erklärt.

Chiis tugge

«Chiis» als umgangssprachlicher Ausdruck für Geld könnte von jiddisch und hebräisch «késsef» (‹Geld, Silber›) abgeleitet sein.

Eine andere Möglichkeit ist eine Bedeutungsübertragung von rotwelsch «Kies» (‹Stein›). Dazu würde passen, dass man im Schweizerdeutschen auch «Stei» für ‹Franken› sagen kann.

Schweizerdeutsch «tugge» oder «togge» heisst wörtlich ‹schlagen›, im Jenischen aber auch ‹geben› und ‹zahlen› – vielleicht wegen der Vorstellung von auf die Hand geschlagenem Geld.

Kaff

Der abschätzige Ausdruck «Kaff» für ein Dorf ist bereits seit dem 16. Jahrhundert im Rotwelschen belegt. Er stammt aus dem Romanes, der Sprache der Roma, in der ein Dorf «gaw» genannt wird.

Radio SRF 3, 9.5.2026, 9.03 Uhr

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