Wo wir auch wandern, welchen Ausschnitt der Landeskarte wir auch betrachten: Flurnamen sind überall. Das Solothurnische Namenbuch zum Beispiel weist für den Kanton rund 50'000 Einzelnamen auf.
Diese Vielfalt erklärt sich aus der Wirtschafts- und Sozialstruktur, die vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert bei uns herrschte. Als Selbstversorger hatten alle Dorfbewohner Anteil am Kulturland. Ausserdem besass jede Familie in der Regel verschiedene Parzellen, die über das ganze Gemeindegebiet verteilt waren. Daraus ergab sich die kleinteilige Namenlandschaft, die als gemeinsames Orientierungs- und Wissensnetz der Dorfgemeinschaft der täglichen Arbeit diente.
Heute helfen uns Flurnamen bei der Orientierung im Gelände. Viele von ihnen erheitern uns oder geben uns Rätsel auf. Was macht einen Acker zum «Überzwärch», ein Wäldchen zum «Löli», einen Acker zum «Ankacker»?
Die Lösung der Rätsel liegt tief in der Vergangenheit: Viele heutige Flurnamen sind im späten Mittelalter erstmals in Urkunden oder Güterverzeichnissen schriftlich belegt. Entstanden sind sie oft noch früher. Seither haben sich unsere Sprache und unsere Lebensgrundlagen dramatisch verändert. In Feld und Wald arbeitet heute nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung. Wörter verschwinden aus dem Wortschatz oder sie verändern ihre Form oder Bedeutung. Die Namen aber sind geblieben als Zeugen einer fernen, uns unverständlich gewordenen Vergangenheit.
Die Suche nach dem Benennungsmotiv
Das heisst aber auch, dass wir etwas über das Leben und die Sprache jener Zeit erfahren, wenn es uns gelingt herauszufinden, welche konkrete Bedeutung ein Name am Anfang hatte. Denn jede Ortsbezeichnung hatte ursprünglich ein Benennungsmotiv.
«Überzwärch» zum Beispiel leitet sich aus dem mittelalterlichen twërch für «verkehrt, schräg, quer» ab und bezeichnet einen quer zu allen anderen liegenden Acker. «Löli» ist die Verkleinerung von «Loo», ein mittlerweile verschwundenes Wort für «(alleinstehendes) Wäldchen». Und der «Ankacker» ist wörtlich ein «Anken-Acker», also einer mit gutem Boden, auf dem Gras oder Getreide üppig wächst.
Jeder Flurname ist ein Nanoteilchen der Geschichte
Beispiel Landbewirtschaftung: Die Namen «Zelgli» und «Zelgacker» erinnern an die Dreifelderwirtschaft, als alles Kulturland dem Flurzwang unterstand. Das bedeutete, dass alle Landbesitzer sich an die jährliche Abfolge von Sommergetreide, Wintergetreide und Brache auf den Hauptfeldern (Zelgen) der Gemeinde halten mussten. Nur die «Bünten» (auch «Büne», «Binn» oder «Beunde») waren eingezäunte Privatstücke für den Anbau von Gemüse, Hanf oder Flachs.
Beispiel Gesellschaftsverhältnisse: Gelände mit Namen wie «Meierten» oder «Meiersmatt» gehörte einst dem Dorfoberen, dem Meier, und war meist bestes Kulturland. «Ägerte» dagegen bezeichnete minderwertiges Land für Arme und Unterprivilegierte. Beispiel Tierwelt: Die unzähligen «Wolfgrueben» in der Deutschschweiz erinnern daran, dass der Wolf früher überall anzutreffen war und gejagt wurde.
Die ganze historische Bedeutung der Flurnamen kann hier nur angedeutet werden. Aber die Beispiele zeigen, wie wichtig die Grundlagenarbeit ist, die in den kantonalen Flurnamenforschungsstellen geleistet wird oder wurde. Denn Flurnamen sind ebenso wie Bräuche oder traditionelles Handwerk Teil des immateriellen Kulturguts unserer Gesellschaft.