«Rotwelsch» nennt man heute verschiedene Sprechweisen von gesellschaftlichen Randgruppen im deutschen Sprachraum. Darum ist auch von Rotwelsch-Dialekten die Rede, die sich untereinander teilweise stark unterscheiden.
Dazu gehören etwa Jenisch, Mattenberndeutsch oder die Basler «Haiwoog-Schangi»-Sprache und unzählige Varianten aus dem restlichen deutschsprachigen Raum. Ihr gemeinsamer Vorfahr ist eine mittelalterliche Sondersprache von Bettlern, Fahrenden, Prostituierten und anderen Gruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert und an den Rand gedrängt wurden.
Schon im 14. Jahrhundert wurde diese Sprache in schriftlichen Aufzeichnungen «Rotwelsch» genannt. Sie wurde jahrhundertelang überliefert und stetig erweitert.
Nach und nach kamen viele Lehnwörter aus dem Jiddischen und Hebräischen hinzu sowie aus dem Romanes, der Sprache der Roma – also von Gruppen, die miteinander zum Beispiel auf Jahrmärkten oder durch den Viehhandel viel in Kontakt waren.
Weil Rotwelsch für die Mehrheitsgesellschaft kaum zu verstehen war, nannte man es bald «Geheimsprache». Laut dem deutschen Rotwelsch-Forscher Christian Efing greift das zu kurz: «Man zeigt seinen Identitätsstatus durch den Gebrauch dieser Sprachen – und zwar auch dann, wenn keine Aussenstehenden zuhören und es entsprechend gar keinen Grund gibt, etwas geheim zu halten.»
Diese Sprachen sind für ihre Sprecherinnen und Sprecher Heimat und Schutz zugleich.
Laut Christian Efing geht es um die Sprache als Zeichen der Zusammengehörigkeit innerhalb einer Gruppe, die von aussen diskriminiert werde. Historisch seien viele dieser Gruppen «auf der Reise» gewesen, also ohne festes Domizil. «Ihre Heimat sahen sie stattdessen in der Sprache. Gleichzeitig ist die Sprache auch ein Schutz, weil Aussenstehende sie nicht verstehen können: In dieser Sprache kann man sich sicher fühlen», sagt Efing.
Anerkanntes immaterielles Kulturerbe
Manche sehen darum Wörterbuchprojekte wie das «Wörterbuch der deutschen Geheimsprachen» von Klaus Siewert als problematisch, weil sie diesen Schutz zerstören könnten. Das Anliegen dahinter ist aber das Gegenteil: Sie wollen das Bewusstsein für diese Sprachen und die damit verbundenen Minderheiten erhalten und stärken.
Während beispielsweise Jenisch in der Schweiz als Minderheitensprache anerkannt ist, steht diese Anerkennung in Deutschland noch immer aus. Letztes Jahr wurde auf Antrag von Klaus Siewert die Gesamtheit der «Rotwelsch-Dialekte» auf die deutsche UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Kreative Wortschöpfungen
Rotwelsch-Dialekte sind ein Beispiel dafür, wie kreativ Wortbildung durch Abwandlung funktionieren kann. Besonders beliebt sind Ableitungen mit der deutschen Endung «-ling». Aus einem Kamm wird so das rotwelsche Wort «Kämmerling», rotes Blut oder eine rote Kirsche werden zum «Rötling» oder ein Fisch mit Flossen zum «Flössling».
Zum rotwelschen Wort «Lehm» für «Brot» (von hebräisch «lechem») wird eine ganze Wortfamilie gebildet: Ausgehend vom Nomen «Lehm» gibt es das Verb «verlehmen» («backen»), ein «Lehmer» ist ein Bäcker und ein «Lehmschieber» ein Backofen. Es ist auch möglich, Wörter zu kombinieren: So ergeben das rotwelsche Wort «Kaffer» für «Bauer» (von jiddisch «kapher») und «Lehm» zusammen «Kafferlehm» – ein Bauernbrot. Nicht nur das: ein echter Leckerbissen.