Antibiotika-Resistenz: Die stille schleichende Katastrophe

Das Wundermittel Antibiotika hat seine Wirkung verloren, immer mehr Bakterien werden resistent. Der Bund will mit einer Strategie dagegen angehen. Im «Forum» diskutieren wir die Massnahmen in der Humanmedizin und weshalb die Forschung mit stumpfen Waffen gegen die Antibiotika-Resistenz kämpft.

Wundermittel mit Nachgeschmack

Porträt von Alexander Fleming, dem Erfinder von Penizillin in seinem Labor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sir Alexander Fleming entdeckte vor über 80 Jahren das Penicillin - und damit das erste Antibiotikum. Keystone

Penicillin galt als wahres Wundermittel und seit seiner Entdeckung im 20. Jahrhundert sind unzählige Antibiotika auf den Markt gekommen. Aber: Der übermässige Konsum und die sorglose Verschreibung in der Humanmedizin, im Veterinärwesen oder in der Landwirtschaft haben dazu geführt, dass immer mehr Bakterien eine Resistenz entwickelt haben.

Die Folgen sind gravierend. Krankheiten wie Lungenentzündungen oder Gelenksinfektionen können nicht mehr wirkungsvoll behandelt werden. Man schätzt, dass allein in der Schweiz 2000 Menschen pro Jahr sterben, weil sie nicht mehr auf die Antibiotika-Behandlung ansprechen. Allein in der EU spricht man von 25‘000 Toten pro Jahr.

Antibiotika-Resistenz - die globale Bedrohung

Leere Antibiotikavorräte

3:57 min, aus 10vor10 vom 28.11.2014

Das Problem ist ernst und von weltweiter Bedeutung: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in ihrem Bericht 2014 von einer Bedrohung der modernen medizinischen Errungenschaften geschrieben. Das Weltwirtschaftsforum WEF zählt die Antibiotika-Resistenz mittlerweile zu den grössten Risiken der Weltwirtschaft und viele Ärzte sind der Meinung: Da rollt eine Katastrophe auf die Menschheit zu. Die Zeit drängt, weil gegen manche multiresistenten Keime bald kein Medikament mehr wirkt und die universitäre Forschung noch keine griffige Alternative zu den Antibiotika gefunden hat.

Pharmaindustrie und ihr Interesse an Antibiotika verloren

Die Forschungsabteilungen der grossen Pharmafirmen haben ihre Antibiotika-Labors geschlossen. Pharmafirmen verdienen ihr Geld längst mit anderen Medikamenten. So sind Blutdruckmittel oder Cholesterinsenker, welche ein Patient in der Regel lebenslänglich einnehmen muss, für die Pharmaindustrie lukrativer. Ein Antibiotikum, das nur kurzfrisitg zum Einsatz kommt, sei für die Pharmaindustrie unattraktiv, meint der Infektologe Andreas Kronenberg. Das Problem ist erkannt, bestätigt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Weltweit sei man daran, über alternative Finanzierungsmöglichkeiten für eine unabhängigen Forschung, zu diskutieren.

Der Bund ergreift Massnahmen

Der Bund, der die Antibiotika-Resistenz jetzt mit einer Strategie bekämpfen will, setzt auf drei Säulen: Überwachung, Prävention und Sensibilisierung. Sie sollen in der Humanmedizin, der Tiermedizin und in der Landwirtschaft angewendet werden.

Die Sendung «Forum» legt den Fokus auf die die Massnahmen in der Humanmedizin und da besteht Handlungsbedarf. In der Schweiz geniessen Ärzte eine grosse Freiheit, jeder könne individuell abwägen, ob und wann er Antibiotika verschreibt. Es fehle die Systematik sagt Daniel Koch vom BAG. Die Kommentare aus der Hörerschaft zeigen, dass Ärzte durchaus einen unterschiedlichen Umgang in der Verschreibung von Antibiotika pflegen.

«  Dem Antibiotika zu entkommen ist wirklich schwierig und es gelingt mir am besten, wenn ich behaupte, gegen Antibiotika (jedwelcher Art) allergisch zu sein.  »

Isabelle Körber, Bottighofen

Christoph Caviezel aus Muttenz ist Kinderarzt und stellt fest, dass viele Ärztinnen und Ärzte versuchen, zwischen viralen und bakteriell Infekten zu unterscheiden. Bakterielle Infektionen würden jedoch häufig automatisch mit Antibiotika behandelt.

«  Die eigentliche ärztliche Kunst sollte doch sein, die gefährlichen komplikationsreichen Infekte herauszupicken und nur diese antibiotisch zu behandeln.  »

Christoph Caviezel, Muttenz
Kinderarzt

Jeder kann mithelfen, die Gefahr von Antibiotikaresistenzen zu minimieren. Wer mit einer Erkältung zum Arzt geht, sollte nicht auf ein Antibiotikum bestehen. Im Gegenteil man sollte kritisch nachfragen, falls der Arzt ein Antibiotika verschreiben möchte. Antibiotika benötigt man nur gegen schwere Infektionen.

Muss trotzdem einmal ein Antibiotikum verordnet werden, muss der Patient es genau nach Anweisung nehmen, selbst wenn die Beschwerden binnen kurzer Zeit vorbei sind. Nur die volle Dosierung über den notwendigen Zeitraum hinweg stellt sicher, dass der Wirkstoff alle Erreger vernichtet. Das verhindert, dass sich Resistenzen bilden. Erika Ziltener weist auf ein Problem bei den Packungsgrössen von Medikamenten hin. Insbesondere bei Antibiotika verlangt sie die Abgabe von der exakten Menge, die ein Patient einzunehmen hat. Am Tisch ist man sich einig, dass eine solche Massnahme sinnvoll wäre. Dafür müsste jedoch das Heilmittelgesetz, das zur Zeit in Revision ist, geändert werden.

Die Strategie des Bundes zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenz ist publiziert. Bis Mitte März 2015 haben die Kantone und die Bürger nun Zeit zu den einzelnen Punkten Stellung zu nehmen.

Im Studio diskutierten:

  • Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen und Leiterin der Patientenstelle Zürich
  • Daniel Koch, Abteilungsleiter Übertragbare Krankheiten, Bundesamt für Gesundheit
  • Andreas Kronenberg, Infektiologe und Hausarzt und Leiter vom Schweizerischen Zentrum für Antibiotika-Resistenzen

Das sagen die Diskussionsteilnehmer zur Antibiotika-Resistenz:

Sendungen zu diesem Artikel