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«Forum» – die ganze Sendung zum Nachhören
Aus Forum vom 10.10.2019.
abspielen. Laufzeit 57:17 Minuten.
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Antidepressiva Fluch oder Segen?

700'000 Menschen nehmen in der Schweiz regelmässig Antidepressiva. Fast 30% sind einmal im Leben von einer Depression betroffen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie sorgt nun für Verunsicherung. Sie zweifelt die Wirksamkeit von Antidepressiva an. Darüber diskutieren wir in der Sendung «Forum».

Das Bett verlassen fällt unendlich schwer. Der erholsame Schlaf ist gestört. Vieles erscheint sinnlos. Jeglicher Antrieb fehlt. Wer an einer Depression leidet ist niedergeschlagen, bedrückt, in melancholischer Stimmung. So das gängige Bild. Psychische Erkrankungen aber haben viele Gesichter.

Online-Diskussion

In der Live-Sendung «Forum» am Donnerstagabend werden folgende Fragen beleuchtet. Ihre Kommentare fliessen in die Diskussion ein.

  • Werden Antidepressiva zu leichtfertig abgegeben?
  • Wird ihre Wirkung überschätzt?
  • Oder sind sie unentbehrliche Helfer auf dem Weg zurück in die Normalität?

Direkt zu den Kommentaren.

In der Schweiz sind fast 30 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben von einer Depression betroffen, stellt das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) fest. Antidepressiva gehören deshalb zu den am meisten verschriebenen Medikamenten. Über 700'000 Menschen nehmen sie regelmässig ein.

Neue Studie wirft Fragen auf

Es ist wichtig zu wissen: Wie gut Antidepressiva wirken, ist individuell verschieden. Oftmals müssen erst verschiedene Präparate getestet werden, bis sich ein Erfolg einstellt. Vielen Betroffenen helfen Antidepressiva wieder Boden unter die Füsse zu bekommen. Erst dann sind sie in der Lage, die eigentliche Ursache der Depression anzugehen.

Allerdings können die Antidepressiva auch Nebenwirkungen verursachen. Von Krämpfen in den Beinen, Kreislaufproblemen bis hin zu sexuellen Störungen.

Eine kürzlich veröffentliche Studie sorgt nun für Verunsicherung. Die Studie des Nordic Cochrane Centers, Link öffnet in einem neuen Fenster zweifelt die Wirksamkeit von Antidepressiva an. Sie würden kaum mehr wirken als Placebos.

Wer mit dem Gedanken spielt von Antidepressiva wegzukommen, sollte vor allem eines tun: Nicht eigenmächtig handeln, sondern zusammen mit dem Arzt mögliche Alternativen besprechen.

Gregor Hasler ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Freiburg. Er zweifelt nicht an der Seriosität der Studienmacher, aber er hat auch Bedenken.

Diese Studie spiegelt den Alltag nicht. Antidepressiva wirken.
Autor: Gregor HaslerProfessor für Psychiatrie und Psychotherapie

Allerdings nicht zwingend beim ersten Präparat, erklärt Hasler: «Dann suchen wir zusammen mit dem Patienten das Richtige, kombinieren es oder verändern die Dosis.»

Antidepressiva vom Hausarzt

Jeder Arzt kann Antidepressiva verschreiben. Also auch der Hausarzt. Weil viele Betroffene lieber ihren Hausarzt als einen Psychiater oder Psychologen aufsuchen, verschreiben dementsprechend viele Hausärzte Rezepte für Antidepressiva. «In der Schweiz wird tatsächlich zuviel verschrieben, Hausärzte verschreiben mehr als Psychiater», kritisiert Psychiater Gregor Hasler.

Philippe Luchsinger, Präsident des Schweizer Hausärzteverband, kontert: «Beruhigungs- und Schmerzmittel machen schneller abhängig als Antidepressiva.»

Antidepressiva sind wie eine Krücke – eine erste Hilfe.
Autor: Philippe LuchsingerPräsident Schweizer Hausärzteverband

Für Kathrin Obrist waren Antidepressiva Fluch und Segen zugleich. Die Kunsttherapeutin bezeichnet sich als «Expertin aus Erfahrung». Sie litt unter einer bipolaren Störung mit Hyperaktivität und Wahnvorstellungen. Heute arbeitet Kathrin Obrist in einer Klinik und hilft Betroffenen. Sie sagt, Antidepressiva seien für sie Fluch und Segen zugleich gewesen.

Sie haben mich gerettet, aber in einer zu hohen Dosis auch fast das Leben gekostet.
Autor: Kathrin Obrist«Expertin aus Erfahrung»

Extrem wichtig sei, was nach den Antidepressiva komme. Die Gesprächstherapie, das Soziale Umfeld, Selbsthilfegruppen, Bewegung oder Musik und die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Krankheit.

Zu Gast in der Sendung «Forum» sind:

  • Philippe Luchsinger - Präsident des Schweizer Hausärzteverband
  • Gregor Hasler - Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg
  • Kathrin Obrist - Kunsttherapeutin und «Expertin aus Erfahrung»

7 Kommentare

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  • Kommentar von Silvia Wimmer  (silvia wimmer)
    Eine Hörerin konnte in der Sendung die unzutreffende Behauptung aufstellen, man habe bei ihr einen Mangel an Serotonin festgestellt. Diese Aussage ist falsch, obschon enorm verbreitet. Ein solches Diagnoseverfahren besteht absolut nicht - man würde es ansonsten laufend anwenden. Die Vorstellung eines Mangels an Serotonin ist Hauptgrund für die enormen Verschreibungszahlen von Antidepressiva. Ein Faktencheck - vergleichbar demjenigen der Arena - wäre ein Qualitätsgewinn für die Sendung.
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  • Kommentar von Anita Buchs  (Anitabu1963)
    Ich möchte gerne wissen wie die Therapie EMDR wirkt auf Depressionen
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  • Kommentar von Urs Blaser  (Urs Blaser)
    Ich bin selbst Betroffener. Nehme Antidepressiva am Morgen und am Abend ein. Diese helfen mir zur Bewältigung meines Alltags. Werde diese Medikamente nehmen solange ich noch im Arbeitsprozess bin und darüber hinaus noch ca. einen Monat. Werde Ende Jahr pensioniert. Dies bedeutet für mich eine wesentliche Entspannung meiner Situation. Nehme am Morgen Brintellix am Abend Valdoxan. Dies aber immer mit periodischem anschauen meines Facharztes und Hausärztin.
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    1. Antwort von Silvia Wimmer  (silvia wimmer)
      Der Hersteller von Brintellix, der dänische Pharmakonzern Lundbeck, hat das Medikament vom deutschen Mark nach etwas mehr als einem Jahr wieder zurückgezogen. Verschiedene unabhängige und staatliche Qualtätsprüfungen hatten dem Medikament kein gutes Zeugnis ausgestellt, so dass Lundbeck höchstens den Preis eines Generikums hätte verlangen dürfen. Damit wollte sich Lundbeck nicht begnügen.
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