Geranien – Schön oder spiessig?

Man liebt sie – oder man hasst sie. Moderator Adrian Küpfer und Produzentin Christine Hubacher über die Blume, der das Alpine Museum der Schweiz in Bern eine Sonderausstellung widmet und die schon bald wieder in voller Pracht landauf und landab Fassaden schmücken und Balkone zieren.

Die Geranienlüge

Geranien – wenn ich dieses Wort schon nur höre, befällt mich das Grauen. Und der Film läuft ab: Schmucke Häuser, die mit ihren Geranien vor den Fenstern der Welt draussen zeigen, dass die Welt in den eigenen vier Wänden noch in Ordnung ist. Hier ist der Vater noch Familienoberhaupt, steht die Mutter am Herd, sind die Kinder, drei an der Zahl, wohlgeraten und gesittet. Ein Idyll, an das sich die klammern, die vergessen haben, dass früher die Welt auch hart war. Ein Idyll, heraufbeschworen durch Geranien.

Auch Städte mit historischem Stadtkern zieren sich gerne mit Geranien vor den Fenstern. Egal ob dahinter das Immobilienbüro residiert, der Hochpreisanwalt seine Klientel empfängt oder Luxusuhren feilgeboten werden. Geranien suggerieren auch hier: Liebe Leute, hier geht es heimelig zu und her, hier kann man getrost eintreten. Klingt irgendwie auch besser als: Liebe Leute, wir wollen eure Kohle. Geranien versprechen uns eine heile Welt. Die gab es nie. Die gibt es nie. Geranien tun als ob. Das mag ich nicht.

«Es lebe das Geranium!»

Es gibt nichts schöneres als Geranien. Ich sage es gerne noch einmal: Es gibt nichts schöneres als Geranien. Natürlich ist es typisch schweizerisch und kann etwas bieder wirken – aber es gibt keine pflegeleichtere Planze für auf den Balkon. Gerade als Mann kann ich sagen: Geranien sind super-praktisch. Und ich spreche aus Erfahrung.

Seit Jahren stehen Geranien bei mir auf dem Balkon. Immer wieder andere. Seit Jahren höre ich mir die Sprüche der Nachbarn an, ich sei bieder und spiessig. Aber: Seit Jahren aber hab ich keine Läuse, mein Balkon blüht im Vergleich zu dem der Nachbarn fast jeden Tag. Geranium sei Dank! Sogar meine Frau – eine richtige Geranium-Hasserin – konnte ich davon überzeugen. «Geranien bei uns? Das darf nicht wahr sein!», hatte sie gesagt, als ich mit den roten Blumen heimgekommen bin. «Warte bis der Sommer kommt und Herbst ist. Du wirst sie lieben», entgegnete ich. Heute blüht es bei Küpfers tagein, tagaus. Adieu Spiessigkeit – es lebe das Geranium!

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