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Gendergerechte Sprache - überfällig oder unnötig?
Aus Dini Mundart vom 01.04.2021.
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Gendergerechte Sprache Das Gendersternchen ist erst der Anfang

Das sogenannte «Gendern» ist heute gesellschaftlicher Konsens. Das heisst: Frauen werden normalerweise explizit genannt und sind nicht bloss mitgemeint. Aber die Genderdebatte ist längst über das binäre Mann-Frau-Denken hinausgewachsen.

Wie weit soll gendergerechte Sprache gehen?

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Wir danken Ihnen für Ihre Meinung zum Thema! Ihre Kommentare fliessen in die nächste Folge unseres Mundart-Podcasts «Dini Mundart» ein, der am Freitag, 9. April 2021 erscheinen wird.

Gendergerechte Sprache: Was bisher geschah

Erst kürzlich hat der Duden das generische Maskulinum abgeschafft. «Die Leser dieses Textes» meint nur noch Männer. Sind auch Frauen angesprochen, werden sie explizit als «Leserinnen» genannt. Gegen das Aufblähen der Texte durch solche Paarformen hilft die neutrale Formulierung «Lesende» oder eine Sparform wie das Binnen-I («LeserInnen») oder der Schrägstrich («Leser/innen»). Neuerdings kann man diesen «Gender-Gap» auch hören, dank dem sogenannten Glottisschlag, einer kleinen Pause mitten im Wort.

Gendersternchen: Der Newcomer

Aber mittlerweile geht es um mehr als nur darum, Frauen sprachlich sichtbar zu machen. Die Begrenzung auf das binäre Frau-Mann-Schema schliesse viele Menschen mit anderer sexueller Identität aus, moniert eine wachsende, junge und lautstarke Community. Es geht um LGBTQIA*-Menschen, oft kurz als «queere Personen» zusammengefasst (vgl. Wörterbox). Sie alle werden inkludiert durch das Gendersternchen, also durch die Schreibung Leser*innen, immer mehr auch durch den Gender-Doppelpunkt: Leser:innen.

Wörterbox

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LGBTQIA* - Englisch. Abkürzung für Personen mit sexueller Orientierung, die von der Heteronormativität abweicht:

  • Lesbian - lesbisch, Lesbe
  • Gay - schwul, Schwule
  • Bisexual - bisexuell, zugleich homo- und heterosexuell
  • Transgender - Geschlechtsidentität stimmt nicht oder nur teilweise mit dem biologischen Geschlecht überein
  • Queer - Sammelbegriff, Selbstbezeichnung von nicht-heterosexuellen Personen
  • Intergender - Menschen, deren Geschlechtsidentität sich zwischen männlich und weiblich befindet
  • Asexual, agender - asexuell oder agender, Menschen, die keine oder wenig sexuelle Anziehung zu anderen Menschen spüren
  • * - Platzhalter für weitere Geschlechtsidentitäten

Genderfreie Sprache

Aber wäre es bei dieser Vielfalt an sexuellen Orientierungen nicht besser, man würde die Sprache gänzlich entsexualisieren? Den Queer-Personen jedenfalls tut es Not, eine Ausdrucksform zu finden, die sie passend kategorisiert. Und wenn man nicht mehr merkt, ob «er», «sie» oder etwas jenseits davon angesprochen ist, dann werden gesellschaftliche Diskriminierungen wenigstens sprachlich neutralisiert.

«Ens Lehrens»

Das Wort «Mensch» bezeichnet geschlechtslos jedes Wesen unserer Gattung. Entnehmen wir «Mensch» eine Rippe, nämlich die Buchstabenfolge «ens», gewinnen wir einen neuen, genderfreien Wortbestandteil, der sich überall einsetzen lässt, wo sonst männliches oder weibliches Geschlecht markiert würde. Die Leserinnen und Leser dieses Artikels werden damit zu «ens Lesens dieses Artikels». Praktisch und handlich, für Einzahl und Mehrzahl und in jedem grammatischen Fall immer gleich. Was meinen ens als Lesens zu dieser Idee?

«Das Lesy»

Eine andere Möglichkeit ist das «Entgendern nach Phettberg». Gemeint ist der Wiener Kolumnist Hermes Phettberg, Link öffnet in einem neuen Fenster, der seit 30 Jahren auf einfachste Weise seine Sprache entgendert. Man nehme bei einer Personenbezeichnung den Wortstamm, hänge ein -y an und mache es zum Neutrum: «Der Leser» und «die Leserin» werden zu «das Lesy», die «Leserinnen» zu «die Lesys». Und wenn Ihnen die Idee nicht gefällt, dann sind Sie «Kritikys»!

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Gendersprache – was spricht dafür, was dagegen?
Aus Kulturplatz vom 24.02.2021.
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Vornamen statt Pronomen

Die Schweizer LGBTQIA*-Aktivistin Anna Rosenwasser berichtet im Gespräch, dass die Queer-Community noch anderes ausprobiert. Zum Beispiel wählen sie sich einen einsilbigen, genderneutralen Vornamen wie Lou oder Pat, der anstelle eines Pronomens genannt wird: «Lou hat eine megacoole Wohnung. Warst du schon bei Lou?»

Vom Gender-Gap zur Gesellschaftskluft?

Während eine grosse Mehrheit noch ratlos das Gendersternchen fixiert, greifen andere also schon viel härter ins Gewohnheitsrecht unserer Sprache ein. Auf dass künftig niemensch (sic!) mehr diskriminiert werde.

Diese Kluft macht tendenziell beide Seiten hässig – Revolutionär*innen ebenso wie Traditionalisten. Die Zeit wird zeigen, was davon bleibt.

Radio SRF 1, Mundart, Freitag 2. April 9:40 Uhr

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89 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Kohli  (MarkusK)
    Es geht doch nur noch um eine massive Überkompensation einer winzigen Minderheit, die sich vor lauter Langeweile gegen die Biologie auflehnen will. Das scheint zumindest heutzutage ein Garant dafür zu sein, dass man es in die Medien schafft.
    Selbst wenn es irgendwann sonst wirklich keine Probleme mehr auf der Welt gibt, ist das immer noch zu früh, sich mit sowas zu beschäftigen.
    Und wer ein Problem mit der Sprache in der Form hat, soll sich eine andere Sprache suchen statt diese zu verhunzen.
  • Kommentar von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
    Warum machen wir nicht einfach eine Volksabstimmung? Wenn dann die Mehrheit eine Verkomplizierung will wirds gemacht, ansonsten kann man vielleicht erstmal für 20 Jahre Ruhe bei dem Thema geben. So sparen wir uns alle 6 Wochen neue Vorstöße einer minimalen Gruppen von Personen, die glauben sie wären aufgrund von Formulierungen über die niemand sonst nachdenkt, ausgegrenzt.
    Oder wir machen auch direkt alles zu "es". Die Sonne weiblich der Mond männlich ist ungerecht...die Sonne ist stärker.
  • Kommentar von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
    Ich empfinde dieses "Gendern" als unsägliche Sprachverstümmelung. Neuerdings ja nicht nur in Schrift, sondern auch in Sprache mit einem Schluckauf-Iiiieh.
    Daher meine Meinung: wenn Frauen sich nicht dem generischen Maskulinum zugehörig fühlen wollen, dann ist mir ein generisches Femininum tausendmal lieber als Sterne, grosse Iiiehs und Schrägstriche mitten im Wort usw.
    Dann bin ich halt eine Leserin, eine Bürgerin, eine Angestellte, etc. ICH komme damit klar.