Während die Natur erwacht und die Temperaturen steigen, klagen viele über die sogenannte Frühlingsmüdigkeit. Man fühlt sich müde, weniger leistungsfähig und muss pausenlos gähnen. Doch wer gehofft hat, den Frühling als Ursache für die Schlappheit vorschieben zu können, wird durch die aktuelle Forschung enttäuscht.
Keine Frage der Jahreszeit
Das Team um die Schlafforscherin Christine Blume von der Universität Basel hat über 400 Probandinnen und Probanden über einen Zeitraum von zwölf Monaten online befragt. Die Teilnehmenden gaben regelmässig Auskunft über ihre Schlafdauer, die Schlafqualität und ihr subjektives Müdigkeitsempfinden.
Rund die Hälfte der Teilnehmenden hatte bei Studienbeginn angegeben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. «Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen», sagt die Studienleiterin Christine Blume. Doch die Auswertung der Umfragedaten zeigten ein anderes Bild.
Das Fazit der Forschenden ist eindeutig: Ein systematischer Anstieg der Müdigkeit im Frühjahr lässt sich in den Daten nicht finden. Die gefühlte Schlappheit scheint keine Frage der Jahreszeit zu sein. Die Studie legt nahe, dass Müdigkeit ein individuelles Erleben bleibt, das über das ganze Jahr hinweg schwankt, ohne ein kollektives Tief im Frühling.
Ein kulturell geprägtes Phänomen
Der Begriff der Frühlingsmüdigkeit ist eine Besonderheit des deutschsprachigen Raums. Christine Blume erzählt, dass Kolleginnen und Kollegen aus anderen Sprachregionen oft erstaunt auf die Erwähnung des Begriffs reagieren würden. In vielen Ländern ist das Konzept schlicht unbekannt.
Dies deute laut der Forscherin darauf hin, dass die Müdigkeit kulturell etabliert ist. Wenn eine Gesellschaft eine Bezeichnung für ein Phänomen etabliert, neigen Individuen eher dazu, ihre Befindlichkeiten diesem Begriff zuzuordnen. Man bildet sich die Frühlingsmüdigkeit gewissermassen ein, weil ein gesellschaftlich akzeptiertes Etikett vorhanden ist.
«Spring Fever» statt Müdigkeit
Ein Blick über die Sprachgrenzen hinaus stützt diese These. Im englischsprachigen Raum existiert zwar der Begriff des «Spring Fever», dieser steht jedoch für das Gegenteil. Er beschreibt das Gefühl, wieder mehr Energie, Tatendrang und Frühlingsgefühl zu haben. Dieser Zustand kommt mit dem Erwachen der Natur.
Während der Frühling hierzulande also mit Schlappheit assoziiert wird, schreiben andere Kulturen derselben Jahreszeit einen biologischen Aufbruch zu. Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass die innere Uhr des Menschen resistenter gegenüber dem Jahreszeitenwechsel ist, als bisher angenommen wurde.