Egal ob jetzt Dylan, Young, Springsteen oder McCartney draufsteht: Die leicht ketzerischen Fragen seien erlaubt, wenn Altmeister mit immensem Songkatalog die x-te neue Songkollektion veröffentlichen. Gibt es da wirklich noch neue Ideen? Und überhaupt noch den Elan, etwas Neues erzählen zu wollen?
Paul McCartney, mittlerweile 83 Jahre alt, mit über 800 Songs im Katalog und in der siebten Dekade seines musikalischen Schaffens angekommen, gibt auf seinem neuen Album «The Boys of Dungeon Lane» gleich selbst die Antwort: Ja und Nein. Ideen sind durchaus vorhanden. Neue allerdings kaum – zumindest, wenn man «neu» wortwörtlich nimmt.
Denn auf dem – je nach Zählweise – neunzehnten oder zwanzigsten Album unter eigenem Namen blickt McCartney vor allem zurück: auf seine Jugendtage in Liverpool, auf gemeinsame Autostopp-Ausflüge mit George Harrison oder auf Erinnerungen entlang der Mersey.
Vergangenheit als Fundgrube
In einem Fall geht der Blick sogar noch weiter zurück. Auf «Salesman Saint» singt McCartney über seine Eltern, die ihn während des Zweiten Weltkriegs grosszogen: «The war was nearly over / The peace would soon begin.» Die Vergangenheit sei eine «wahre Fundgrube für Ideen», sagt McCartney dazu dem britischen Musikmagazin «Mojo».
Ein Leitmotiv, das sich durch viele der 14 Songs zieht. Phasenweise fühlt sich das Album an wie eine musikalische Stadtkarte Liverpools: Hier wird die «Chester Road» erwähnt, dort ein Quartiername eingestreut, anderswo geht es um die Ufer der Mersey.
Besonders gelungen ist die Akustikballade «Down South». Darauf erinnert sich McCartney an jene Trips Richtung Süden Englands, die er einst mit George Harrison unternahm. «Where you heading boys, you need a ride?», singt McCartney aus Sicht eines Lastwagenfahrers, der die jungen Musiker mitnehmen wird. Kurz darauf folgt mit «Before we learned to twist and shout» gar noch eine Verbeugung vor einer der berühmtesten Beatles-Aufnahmen.
Anderswo ist der Geist der Beatles sogar noch präsenter: Auf dem Schunkler «Home to Us» duettiert McCartney mit Ringo Starr, der auch den Schlagzeugpart des Songs einspielte.
Nicht jede Idee zündet
Musikalisch wurde McCartney bei den Aufnahmen von Andrew Watt unterstützt. Der 35-jährige New Yorker hat sich in den letzten Jahren zur Vertrauensperson mehrerer Rockveteranen entwickelt: Er produzierte das letzte Rolling-Stones-Album, arbeitete mit Pearl Jam – und jetzt eben mit McCartney.
Leider kommt Watts moderner Rocksound McCartneys Songwriting nicht immer entgegen. Wenn «Mountain Top» in einem fast prog-rockigen Finale mündet oder beim psychedelischen «Life Can Be Hard» der Bass – einst McCartneys Schlüsselinstrument – tief im Mix verschwindet, fragt man sich schon, ob diese Kombination wirklich passt.
Liverpool profitiert mit
Trotz gelegentlicher musikalischer Misstöne hinterlässt McCartneys nostalgische Reise ein warmes Gefühl. Das spürt inzwischen auch Liverpool selbst. Kurz nachdem McCartney den Albumtitel angekündigt hatte, pilgerten erste Fans zur erwähnten «Dungeon Lane» nahe dem Flughafen – nur um festzustellen, dass dort gar kein Strassenschild existiert. Anfang Monat liess die Stadt deshalb kurzerhand ein neues Schild montieren, wie die BBC berichtete. Vielleicht wird es eines Tages ähnlich beliebt wie jenes der «Penny Lane».