Neun Stunden «Get Back», «Beatles '64» über die erste US-Tour oder zuletzt die neu aufbereitete, elfstündige «Beatles Anthology»: Kaum ein Kapitel der Popgeschichte ist so umfassend dokumentiert wie jenes der Beatles. Man könnte sogar behaupten: Die Beatles sind auserzählt.
«Paul McCartney: Man on the Run» wendet sich deshalb einer anderen Epoche zu: McCartneys Solokarriere, die inzwischen fünfmal länger währt als seine Zeit mit den Beatles. Im Fokus steht die erste Dekade nach dem Beatles-Split, als McCartney mit Ehefrau Linda und wechselnden Mitmusikern Wings gründet.
An die Beatles-Erfolge reicht das Projekt zwar nicht heran, speziell in den USA ist es dennoch enorm erfolgreich. Und es ist – das ist wohl die Kernbotschaft dieser Doku – musikalisch produktiv und bis heute unterschätzt.
Der vermeintliche Fall
«Man on the Run» beginnt wenig überraschend beim Beatles-Split, der historisch gerne McCartney angelastet wird. Paul spricht von einem grossen Loch. Sein Leben habe bislang aus «in die Schule gehen, Beatle sein» bestanden. Mit 27 wisse er erstmals nicht, wie es weitergehen soll. Er zieht sich mit Linda auf eine Farm in Schottland zurück und trinkt zu viel Scotch.
Doch die Krise währt nicht lange. Schon bald sammelt er Songideen mit einem Vierspurgerät. Nur ein halbes Jahr nach dem Beatles-Meilenstein «Abbey Road» erscheint das Solo-Debüt «McCartney», das weltweit in den Charts landet. «Maybe I'm Amazed» wird einer seiner bekanntesten Solosongs. Ganz so dramatisch wie von McCartney befürchtet wird es also nicht.
Wings im Aufwind
Chronologisch und ohne grosse Umwege arbeitet sich der Film durch eine produktive Dekade – gewissenhaft, fast lehrbuchartig: das erste Album mit Linda, die Gründung der Wings, chaotische Sessions in Nigeria, aus denen das Album «Band on the Run» hervorgeht, die legendäre US-Tour im Doppeldeckerbus, juristische Probleme wegen Cannabis – bis zum Ende der Wings Anfang der 1980er. Station für Station, sauber abgehakt.
Untermalt wird das mit privaten Fotos von Linda, Heimaufnahmen und kuratiertem Archivmaterial, das allerdings weniger aufwendig restauriert wirkt wie in jüngeren Beatles-Dokus. Vieles fühlt sich eher wie ein sauber bebilderter Wikipedia-Eintrag an als wie eine filmische Neuentdeckung.
Kontrollierte Rückschau
McCartney kommentiert aus dem Off – reflektiert, pointiert, aber auffallend kontrolliert. Alkoholprobleme, Erwartungsdruck, die öffentliche Misogynie gegenüber Linda: Alles wird gestreift, kaum etwas vertieft. Erstaunlich, da Regisseur Morgan Neville mehrfach ausführlich mit McCartney gesprochen haben soll.
Zusätzlich irritiert, dass die Stimmen nur aus dem Off zu hören sind – auch jene von Linda, die 1998 an Krebs starb. Das vermeidet zwar langweilige, frontal gefilmte Interviewpassagen, sorgt aber für Orientierungslosigkeit. Woher und aus welcher Zeit stammen diese Aussagen?
So reiht sich «Man on the Run» in eine lange Liste solider Streaming-Musikdokus ein: sauber montiert, gefällig erzählt, letztlich etwas zu brav. Immerhin erinnert der Film daran, wie viele starke Songs McCartney nach den Beatles geschrieben hat. «Band on the Run», «Let 'Em In», «Let Me Roll It» – mehr als genug, um dieses Kapitel aus dem Schatten der Beatles zu holen.
«Paul McCartney: Man on the Run»: ab 27. Februar auf Prime Video