Amazon kauft Twitch und baut Games-Sparte aus

Nicht Google, sondern überraschend Amazon kauft die Game-Streaming-Seite Twitch. Amazon gibt 970 Millionen Dollar aus und verstärkt die Investitionen in Games weiter. Twitch bleibt vorerst unabhängig und gewinnt einen starken Partner für weiteres Wachstum.

Das Logo von Twitch auf einem Lagerhaus von Amazon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Twitch will von der Infrastruktur Amazons profitieren. Keystone, Montage SRF

Wenn Amazon gut ein Fünftel der Bargeld-Reserven ausgibt, dann ist das nicht irgendein Deal. Mit dem Kauf von Twitch fügt Amazon ein weiteres Puzzleteil zu den seit einer Weile verstärkten Aktivitäten im Bereich Games hinzu. Amazon gründete ein eigenes Studio, das Games produziert. Mit dem Fire Game Controller setzt man auf eine eigene Plattform. Und nun kauft man Twitch, der De-facto-Standard, wenn es um Live-Streaming von Games geht.

55 Millionen Zuschauer pro Monat

Auf Twitch schauten im Juli 2014 über 55 Millionen Personen rund 250 Millionen Stunden Live-Videos. Über eine Million Personen streamen Inhalte, die im weitesten mit Games zu tun haben: Live-Übertragungen von grossen und kleinen Turnieren, von sogenannten Speedruns (so schnell wie möglich ein Game durchspielen) oder grossen Game-Konferenzen wie der E3 oder der Gamescom, aber auch Talk Shows und experimentelle Formate. Auf der neuen Konsolen-Generation (Playstation 4 und Xbox One) wird Twitch als Standard gleich mitgeliefert.

Dass Games nicht nur zum Spielen, sondern auch zum Zuschauen interessant sind, überrascht nur Game-Muffel. So wie bei anderen Sportarten oder Kulturformen gibt es auch bei Games Aktive und Passive. Twitch erfüllt das Bedürfnis, live mit anderen Gamern zusammen ein Ereignis zu erleben. Traditionelle Medien und Broadcaster erfüllen dieses Bedürfnis nicht, weshalb das Internet, ohnehin das Habitat der Szene, in die Bresche sprang.

Das Live-Fernsehen der Subkultur

Auf Youtube hat sich in kürzester Zeit das Genre der «Let's Play»-Videos etabliert, wo man anderen beim Anspielen eines neuen Games zusehen kann. Einzelne Stars der Szene erreichen damit Millionen: Der Schwede «PewDiePie» hat 30 Millionen Abonnenten und erreichte letztes Jahr 4 Millionen Dollar Umsatz mit Werbeeinnahmen.

Analog zu Fussball-Weltmeisterschaften werden auf Streaming-Plattformen auch grosse Turniere von professionellen Spielern übertragen. An der Weltmeisterschaft von «League of Legends» wollten letztes Jahr 32 Millionen Zuschauer sehen, wer die eine Million Dollar Preisgeld gewinnen würde.

Am «Dota 2»-Turnier «The International» wurden dieses Jahr beinahe 11 Millionen Dollar Preisgeld ausbezahlt. 20 Millionen Zuschauer sahen die Partien des Turniers – auf Twitch.

Kometenhafter Aufstieg

Der kometenhafte Aufstieg von Twitch begann 2007. Damals noch unter dem Namen «justin.tv», einer Art «Truman Show» des Internet-Zeitalters. Bald kam die Idee dazu, nicht nur selber live zu streamen, sondern auch andere auf der Plattform dasselbe tun zu lassen. 2011 ergänzte man das Live-Streaming um «Twitch.tv», mit dem Focus auf Game-Inhalten. Diese überflügelten die ursprüngliche Idee schnell – mittlerweile ist «justin.tv» abgeschaltet und der Name des Unternehmens auf Twitch verkürzt.

Neben Live-Übertragungen von Profiturnieren ist Twitch der Live-Kanal der Subkultur und sorgt immer wieder mit kreativen Experimenten für Wirbel. So war die Idee, mit zeitweise über 100'000 Spielern gleichzeitig eine einzige Partie «Pokémon» zu spielen, so erfolgreich, dass die Plattform unter der Last fast zusammenbrach. Oder zwei Goldfische, die gegeneinander «Street Fighter» spielten, indem bestimmte Punkte in ihren Aquarien einem Knopf des Spiels zugeordnet wurden – ein Experiment, das über eine Million Zuschauer beobachteten.

Twitch finanziert sich über Werbung. Die Plattform hat das Publikum, um das sich alle balgen: jüngere Männer. Deshalb soll Werbung auf Twitch im Schnitt 85 Prozent teurer sein als auf anderen Video-Seiten. Twitch generiert zu Spitzenzeiten so viel Netzwerk-Verkehr, dass sie in den USA bereits an vierter Stelle hinter den Streaming-Giganten Google, Apple und Netflix liegen.

Amazon als Partner für weiteres Wachstum

Weil Twitch sehr schnell wächst, gab es seit Mai Gerüchte, dass Google an einem Kauf interessiert sei. Vor einem Monat wurde dieser Kauf voreilig bereits als vollzogen kolportiert. Nun kommt Amazon zum Zug.

Das ist ein Erfolg für das Unternehmen von Jeff Bezos: Hätte Google ihr bei Games ohnehin schon sehr erfolgreiches Youtube mit Twitch ergänzt, wäre eine beachtliche Marktkonzentration entstanden. Solche Kartell-Bedenken sollen auch dazu geführt haben, dass Google von einem Kauf absah.

Umgekehrt mag es im Team von Twitch die wohl berechtigte Sorge gegeben haben, hinter Youtube lediglich die zweite Geige zu spielen. Amazon hat dagegen kein vergleichbares Angebot. So gelang es Twitch trotz dem Kauf, das Team, die Marke und unternehmerische Eigenständigkeit zu behalten.

Umgekehrt kann Amazon mit ihren «Amazon Web Services (AWS)» eine weltweit verfügbare Infrastruktur bieten, die Twitch benötigt, wenn der Dienst weiterhin so schnell wachsen will wie bisher.

Dass in diesem Geschäft aber nichts sicher ist, zeigte ein Sturm unter den Twitch-Benutzern vor einem Monat. Befeuert durch die Google-Übernahme-Gerüchte und Änderungen der Nutzungsbedingungen auf Twitch sah sich das Unternehmen heftiger Kritik ausgesetzt. Entsprechend müsste Amazon gewarnt sein, die Szene nicht durch allzu spürbare Eingriffe zu verärgern – und sie so auf andere Streaming-Plattformen zu vertreiben.