Review: «Yo-kai Watch»

In Japan ist das Game schon lange ein Hit – jetzt kommt es zu uns. Auch wenn das Sammeln möglichst vieler Geister repetitiv ist, verzaubert «Yo-kai Watch» dennoch mit tollen Figuren, einem einfachem, aber komplexen Kampfsystem und vielen Wortspielen.

In jeder japanischen Kleinstadt im Sommer ist es heiss. Es riecht nach dem Reisstroh der Tatami-Matten. Es ist auffällig still, nur Zikaden sind immer zu hören. Die Strassen sind rechteckig ausgelegt, schmal, von säuberlich verlegten Platten eingerahmt. Die Häuser sind klein und haben selten mehr als zwei Stockwerke. Davor stehen Velos mit Körbchen am Lenker. Und an jeder Ecke Verkaufsautomaten mit gekühlten oder heissen Getränken.

Die Einfahrt zur Schule. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Japanische Kleinstadt. Nintendo

Genau so sieht auch Lenzhausen aus, der Schauplatz von «Yo-kai Watch». Sofort transportiert mich das Spiel direkt nach Japan. Unsere Spielfigur heisst nun zwar Nathan oder Nate, statt Keita wie in der japanischen Originalversion. Und wir sind eben in Lenzhausen statt in Sakura New Town. Doch abgesehen von den für die europäische und amerikanische Version geänderten Namen bleibt das Spiel durch und durch japanisch.

Durch und durch japanische Geister

Das gilt nicht nur für das Visuelle. Sondern insbesondere auch für das Thema. Denn wir suchen und fangen Yo-kai, Geister. Nate findet eine magische Uhr, die es ihm erlaubt, Yo-kai aufzuspüren. Wenn er sie besiegt oder ihnen einen Gefallen tut, freunden sie sich mit ihm an: Er erhält eine Medaille, die das Yo-kai repräsentiert. Er stellt aus allen gefundenen Yo-kai ein Sechser-Team zusammen, dass dann für ihn kämpft.

Diese Yo-kai sind nicht vom Game erfunden, sondern haben eine Jahrhunderte alte Tradition: In Folklore und im Shintoismus ist der Glaube an Geisterwesen zentral. Und durchaus nicht nur in alten Geschichten, sondern auch im modernen Alltag – gerade als Gegenbewegung zu extremer Technologisierung.

Winzikado und Jammsel in der vorderen Reihe, Jibanyan hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das beste Geister-Team zusammenstellen. Nintendo

Manchmal sind Yo-kai einfach Tiere wie der Fuchs oder die Katze, denen magische Fähigkeiten zugeschrieben werden. Oft können sie jemanden verhexen oder ihre Gestalt verändern. Viele sind gefährlich oder haben undurchsichtige Motive. Und es gibt sehr abstruse Dämonen, wie Akaname, ein Dämon, der den Dreck im Badezimmer aufleckt. Oder Ashiarai Yashiki, ein riesiger schmutziger Fuss, der plötzlich im Zimmer erscheint und gewaschen werden will.

Die Yo-kai in «Yo-kai Watch» sind harmloser. Sie tragen lustige Kalauer-Namen wie Petzmeralda, Stibitza, Hustanie (eine Kastanie, die hustet), Jammsel (eine jammernde Amsel) oder Winzikado (mein Liebling, eine kleine Zikade). Einige sind fast unerträglich niedlich, wie die mutige Katze Jibanyan mit ihrem Spezialangriff «Tatzen des Zorns».

10 Millionen mal verkauft, 2 Milliarden Umsatz mit Merchandise

In Japan gibt es «Yo-kai Watch» seit 2013 und ist ein mit 10 Millionen verkauften Exemplaren ein grosser Erfolg. Es ist ein Rundum-Produkt: Es gibt eine Anime-Serie und eine Plastik-Version der Uhr. Man kann Geister auf Plastikscheiben kaufen (die physische Variante der Medaillen im Spiel) und diese in die Uhr einstöpseln, worauf die Geister ein Sätzchen sagen. Mit diesem Spielzeug und anderem Merchandising wie Plüschfiguren wurden allein auf dem japanischen Markt über zwei Milliarden Franken Umsatz erzielt. Zeitweise war es fast unmöglich, noch eine Uhr zu ergattern.

Die Geister im Kampf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Ultiseel (Spezialangriff) ist bereit! Nintendo

Die «Yo-kai Watch»-Franchise kommt vom Gamestudio Level 5, die man vielleicht wegen der sehr erfolgreichen «Professor Layton»-Serie kennt. Auch «Ni no Kuni» ist von Level 5, gezeichnet vom legendären Studio Ghibli («Prinzessin Mononoke») – an mein «Interview» mit der Figur «Tröpfchen» erinnere ich mich gern.

Und Level 5 richtete die «Yo-kai Watch»-Serie von Anfang an auf breiten Markterfolg aus. Die Hauptfigur Nate («Keita» in Japan) hat typische, alltägliche Kinderprobleme, folgt nicht immer den Regeln, leidet darunter, wenn die Eltern streiten – und findet bei den Geisterfreunden Trost und Rat. Die Mechanik des Spiels, also Geister sammeln und damit kämpfen, ist dank des Superhits Pokémon vertraut.

Mit dem Start der TV-Serie erhielt auch das bereits erschienene Game Schwung – in Japan ging die Rechnung voll auf. Nun ist das Game bereit für den Sprung in den Westen: Es ist komplett übersetzt, die TV-Serie läuft seit Montag auf Nickelodeon und ab Sommer kommen auch hierzulande die Plastik-Uhr und die Geister-Medaillen in die Läden.

Ablauf repetitiv, Kampfsystem komplex

Wer Pokémon kennt, findet sich in «Yo-kai Watch» sofort zurecht. Der Ablauf ist einfach und bekannt: Geister suchen, bekämpfen und einsammeln; ein sich möglichst ideal ergänzendes Team zusammenstellen, Kombinationen ausprobieren; dazu eine charmante Geschichte. Es gibt über 200 versteckte Geister; alle haben verschiedene Eigenschaften, gehören verschiedenen Stämmen an, haben speziell starke Angriffe und können im Kampf unterschiedliche Rollen einnehmen. Das einfache System hat also viel Tiefe, erfordert viel Wissen und Geduld – die gleichen Stärken, die Kinder auch an Pokémon mögen.

Der Uhrenladen Rund um die Uhr. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Blütenbühl liegt im Westen von Lenzhausen. Nintendo

Die Mechanik der Kämpfe ist clever: Sechs Geister in zwei Reihen stellen wir auf, die von alleine kämpfen. Wir greifen nur ein, wenn wir einen starken Spezialangriff auslösen, einen Gegner als fokussiertes Ziel markieren oder einen Gegenstand einsetzen: Gewisse Gegner lassen sich beispielsweise mit Süssigkeiten besänftigen. Ausserdem können wir die drei Geister aus der hinteren in die vordere Reihe einwechseln. Das passiert alles in Echtzeit und ist hektisch – es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Sehr repetitiv ist hingegen, die Spezialangriffe mit einem kleinen Mini-Game auszulösen. Etwa, indem wir vorbeifliegende Kugeln antippen oder ein Symbol nachzeichnen. Ebenso repetitiv ist die Grundstruktur des Spiels: Es geht darum, alle Geister zu finden, was natürlich beim 164sten Geist nicht mehr neu ist.

Perfekt auf Kinder zugeschnitten

Doch Eltern wissen, dass Kinder Repetition mögen. Die einfache Struktur ist schnell verstanden und gibt Halt. Die vielen charmanten, witzigen und niedlichen Geister-Figuren mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften befriedigen sowohl den Sammeltrieb als auch das Bedürfnis, sich Wissen anzueignen und möglichst clevere Kombinationen zu finden.

Ausserdem ist das Spiel in der Idylle eines Kleinstädtchens angesiedelt, die Geschichte und die Problemchen im Alltag eines gewöhnlichen Kindes verwurzelt. Die Yo-kai stiften zwar Unruhe, sind aber leicht zu befrieden. Die Figuren sind toll, die Atmosphäre lieblich und die unzähligen dämlich-guten Wortspiele liessen mich schmunzeln.

Und Geister als Freunde zu haben, ist wohl nicht weniger als ein Ur-Wunschtraum jedes Kindes.

«Yo-kai Watch» ist für die Nintendo 3DS. Das Haikiew ist hier.