Man solle tief durchatmen, in die Sterne schauen und sich auf «Le monde merveilleux de Gorillaz» vorbereiten, empfiehlt der Ansager. Kein schlechter Rat. Denn in den nächsten 90 Minuten öffnet sich am Paléo tatsächlich ein Paralleluniversum. Eines mit 14 (!) Musikern und Musikerinnen auf der Bühne – vier davon sind alleine für Schlagzeug und Perkussion zuständig.
Wunderbar verschroben
Der Einstieg gehört «The Mountain», dem sphärischen Opener des neuen Albums, samt Bansuri-Flöte und Tabla. Gleichzeitig erwacht auf der riesigen LED-Wand die zweite Hälfte des Gorillaz-Kosmos zum Leben: die wunderbar verschrobenen Comicfiguren von Jamie Hewlett.
Seit Damon Albarn (u.A. Blur, The Good, The Bad & The Queen) und Jamie Hewlett ihre Anti-Boyband 1998 erfanden, spielen die virtuellen Bandmitglieder eine Hauptrolle. Der Mix aus Underground-Comic, Manga, Punk und Karikatur verleiht 2-D, Murdoc, Noodle und Co. eine Mischung aus Coolness, Skurrilität und latentem Weltschmerz, die auch den Sound der Gorillaz prägt. Denn selbst in den grössten Hymnen schwingt immer ein Schuss Melancholie mit.
Beim Live-Konzert ergänzen, kommentieren oder karikieren die Figuren das Geschehen auf der Bühne, und bilden so eine zweite Erzählebene.
Mit Tarnjacke, Mütze, schweren Goldketten und Sonnenbrille wirkt Albarn, als sei er gerade selbst aus Hewletts Zeichenblock gestiegen. Nur einmal wird er kurz privat: Beim Soundcheck habe ihn die gewaltige VIP-Burg am Hang eingeschüchtert. Jetzt spüre er aber vor allem Liebe und Wärme aus dem Publikum. Problem gelöst.
Dieses Publikum frisst der Band aus der Hand. Der wilde Genre-Cocktail aus Hip-Hop, Dub, Elektronik und arabischen Rhythmen funktioniert bestens. Vom neuen Album schaffen es unter anderem das discoide «The Happy Dictator», die Pfeif-Nummer «Orange County», das treibende «Damascus» und der Wuchtbrocken «Delirium» ins Set.
Die Klassiker räumen ab
Die grössten Jubelstürme gehören allerdings den Klassikern. «Rhinestone Eyes» groovt gewaltig, «Stylo», unterstützt von Yasiin Bey alias Mos Def, glänzt im Clublicht-Modus, und natürlich stehen am Schluss die unvermeidlichen Schwergewichte «Feel Good Inc.» und «Clint Eastwood» auf der Setliste. Die Band spielt enorm tight und mitreissend. Dass Albarn nicht jeden Ton punktgenau trifft, fällt da kaum ins Gewicht.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Konzerts, das bewusst mehr sein will als ein Konzert. Gorillaz sind Popshow, Comicwelt und Band zugleich. Ein Gesamtkunstwerk, das bestechend gut funktioniert. Der globale Pop der Gorillaz haut gerade deswegen so gut hin, weil er sich nicht konsequent dem Mainstream unterwirft.
Wobei die Frage erlaubt sein muss, ob einige dieser Songs ohne die ikonischen Visuals auf einer Festival-Hauptbühne dieselbe Wirkung entfalten würden. Albarns eigenwillige Pop-Exzentrik bekommt mit dem Gorillaz-Universum genau den Rahmen, den sie benötigt. Ausserhalb würde sie allenfalls etwas überheblich wirken.