Am Anfang stand ein tiefer Verlust: Damon Albarn und Jamie Hewlett, die kreativen Köpfe hinter Gorillaz, mussten kurz nacheinander den Tod ihrer Väter verkraften. Wie lässt sich eine solche Trauer fassen? Hewlett brachte eine Idee ins Spiel: «Wäre es nicht ein grossartiges Geschenk, wenn wir ein Album über den Tod machen könnten, das den Menschen die Furcht vor diesem Konzept nimmt?»
Kurze Zeit später wurden Albarn und Hewlett in New Deli gesichtet. Hier vertieften sie sich nicht nur spirituell in die Welt von Varanasi und Wiedergeburt, sondern tauchten auch in die indische Klangwelt ein.
Daraus ist «The Mountain» entstanden, ein Album, das einen Paradigmenwechsel in der Geschichte von Gorillaz einläute, wie Damon Albarn im Podcast Broken Record sagt.
Sitar, Synthie-Pop und arabischer Dabke
Tatsächlich ist «The Mountain» ein Konzept-Album rund ums Thema Trauer und Trost, das sich Streaming-Mechanismen verweigert. Anstatt auf frühe Refrains und eingängige Hooks zu setzten, verquicken Gorillaz verschiedene Stile und Musiktraditionen und lassen Nummern auch mal episch ausufern.
So ist «The Hardest Thing» ein elegisches und gleichzeitig bombastisches Bekenntnis, das nichts so schwierig sei, wie sich von geliebten Menschen verabschieden zu müssen. «Orange County» setzt der Trauer eine bittersüsse Pfeifmelodie entgegen.
Auf sphärische Sitar-Klänge und Bansuri-Flöten folgen schimmernde Disco-Grooves, Synthie-Pop wird mit choralem Backgroundgesang gekreuzt und auf arabische Dabke-Rhythmen antworten Hindi-Vocals und spanischer Rap.
Bollywood-Prominenz und Post-Punk
Mit dabei ist Musik-Prominenz aus der ganzen Welt - unter anderem die Post-Punker Idles sowie Art-Popper Sparks, ebenso Neo-Soul-Star Jalen Ngonda, Gitarrist Johnny Marr und Rapper Black Thought.
Gleichzeitig spielt Musikschaffen aus dem nahen Osten und Indien eine zentrale Rolle. Beispielsweise in der Form der 92-jährigen Asha Boshla, die Songs für über 1000 Bollywood-Filme eingesungen hat, oder Sitar-Spielerin Anoushka Shankar, die zwar in London lebt, sich aber ganz der traditionellen indischen Musik verschrieben hat.
Aufstieg auf den Berg
In «The Mountain» steht der Aufstieg auf den Berg sinnbildlich für das Leben, das irgendwie gemeistert werden will, obwohl nicht klar ist, was einem auf dem Gipfel droben erwartet. Das Manifest zu dieser Metapher liefert der Song «Manifesto»: Nur Mut zur Ungewissheit!
Er wünsche sich, dass man das Album von Anfang bis Ende durchhöre, anstatt dem Scrollen zu verfallen, sagt Jamie Hewlett im Interview mit Rolling Stone. «The Mountain» hat diese Aufmerksamkeit tatsächlich auch verdient.
Wer sie dem Album schenkt, wird zwar vielleicht nicht die Angst vor dem Tod vollständig ablegen können, dafür aber mit einer abenteuerlichen Reise durch vielfältige musikalische Gefilde belohnt – Zusammengehalten wird das Ganze von Gorillaz' unverwechselbarer Melancholie sowie ihrem untrüglichen Gespür für Beats und Melodien.
«The Mountain» bietet globalen Pop mit Profil, Substanz sowie Ecken und Kanten. Das Album gehört damit zu einer der spannendsten Veröffentlichungen, die uns das Haus Gorillaz in den letzten Jahren beschert hat.