Dua Lipas Karriere nahm hier Fahrt auf. Auch die von Franz Ferdinand oder Stromae. Seit 40 Jahren pilgern im Januar hunderte aufstrebende Popacts ans Eurosonic Noorderslag Festival im niederländischen Groningen. Die Wiege europäischer Popmusik offenbarte dieses Jahr viel Mittelmass, aber auch schillernde Highlights und einen enttäuschenden Hype.
Ergreifend: Joshua Idehen – Hoffnung statt Hass
Ganz so jung ist er nicht, der 45-jährige Joshua Idehen – aber locker so begehrt wie die frittierten Eierballen, die Groninger Lokalspezialität, für die man hier Schlange steht. So auch für Idehen, der sich zu Beginn der Show als «afrikanische Taylor Swift» aufspielt, um sein Publikum abzuholen.
Seine höchst tanzbare Spoken-Word-Kunst überfüllt das Grand Theatre Groningen mit Liveshow-Bookers, Journis und Tastemakers. Seine Musik versprüht so viel Hoffnung, dass man sich fragt, wieso er nicht längst durchgestartet ist.
Seine Message in unseren turbulenten Zeiten: «Liebe und Rhythmus.» Klar, der in London aufgewachsene Idehen mit nigerianischen Wurzeln hat auch Priesterhaftes an sich. «Ich will Musik machen, die Menschen vereint wie eine Religion – aber ohne Christentum», verrät der in Stockholm lebende Poet und Musiker gegenüber «SRF 3 Sounds!».
Er tänzelt barfuss über die Bühne und prangert an. Spätestens bei seinem viralen «Mum Does the Washing» wird klar, dass sich hier eine dringliche Stimme für mehr Menschlichkeit erhebt, die alles hat, um einen Pop-Kult zu gründen.
Zeitgeistig: Yoa – die Schweizer Chanson-Zukunft
Ihr Vater stammt aus dem Jura, ihre Mutter aus Kamerun. Yoa, kurz für Yoanna, singt sich in Paris an die Speerspitze der aktuellen, urbanen Chanson-Szene. «Wir sprechen eine neue Sprache und adressieren Themen, die in Chansons vor fünf Jahren noch keinen Platz hatten», erzählt sie.
Im Falle ihres millionenfach gestreamten «Chanson Triste» besingt sie beispielsweise die digitale Leere. Die Einsamkeit der scrollenden Mehrheit.
Das Konzert der 26-Jährigen am Eurosonic bewies, dass zahme Chansons auch Rave-Potential besitzen. Apropos Zeitgeist: Die genretechnisch seelenverwandte Camille Yembe erhielt dieses Jahr einen Music Moves Europe Award.
Erhaben: Flora Hibberd – Entgegen der Gewohnheit
Ihre Songs wuchern wie Gestrüppe. Flora Hibberd (30) liess das Kunstgeschichte-Studium sausen, serviert stattdessen seit zehn Jahren in den Cafés von Paris und komponiert unkonventionelle Lieder. Durch ihre Songs geistern Joni Mitchell, Kate Bush und The Velvet Underground. Die in London aufgewachsene Hibberd ist die spannendste Aussenseiterin am diesjährigen Eurosonic.
Ihr Neujahrsvorsatz: Weniger normal sein! «Seit ich lebe, passe ich mich an. Es ist an der Zeit, meine Schrulligkeit zu umarmen», führt sie aus. Für die Welt ist es wiederum an der Zeit, Hibberds Kunst zu umschlingen.
Weitere Highlights am Eurosonic 2026
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Bild 1 von 4. Konsequent radikal: The Null Club, das Soloprojekt des Gitarristen des irischen Noise-Punk-Projekts Gilla Band wird mit Sicherheit kommende Experimentalmusikfestivals aufmischen. Bildquelle: SRF/Claudio Landolt.
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Bild 2 von 4. Von der Musik berauscht: Mit Schamanen-Muschel und Erdschüttler entstaubt die Hippie-Truppe Tolstoys aus Berlin den 70er-Jahre-Psych-Bluesrock. Bildquelle: SRF/Claudio Landolt.
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Bild 3 von 4. Frisierte Chansons: Bei Camille Yembe aus Belgien schlägt unüberhörbar ein Punkherz durch ihre Idee von urbanem Pop. Bildquelle: SRF/Claudio Landolt.
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Bild 4 von 4. Das wohl ruhigste Set am Eurosonic 2026: Die polnische Komponistin Yana Couto entlockt ihrem Klavier cineastische Ambient-Klänge – Zeit für ein Amélie-de-Montmartre-Revival. Bildquelle: SRF/Claudio Landolt.
Enttäuschend: Dove Ellis – Hallelujah? Leider nicht
Beim irischen Singer-Songwriter Dove Ellis waren die Erwartungen hoch. Im Vorfeld wurde er bereits als die junge Sensation angepriesen, bei der es am diesjährigen Eurosonic Klick machen sollte.
Passierte bedingt. Die Gitarre schien immer mal wieder verstimmt und die Stimme kam nicht durch. Es ist auch kein einfaches Los, wenn man fast so singt wie das grosse Vobild Jeff Buckley – aber eben nur fast. Dass Dove Elis (23) berühren kann, ist unüberhörbar, am Eurosonic blieb der mit seinem Debütalbum «Blizzard» beschworene Sturm jedoch noch aus.