Der ESC muss kein Karrierekiller sein

Trotz (fast) «Zero Points» leben sie und ihre Karrieren noch alle: DJ Bobo, Lovebugs oder Michael von der Heide. Anna Rossinelli lancierte damit sogar ihre Erfolgsgeschichte. Der Eurovision Song Contest kann für einen Musiker weit mehr bedeuten als eine punkte-mässige Nullnummer.

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Bildlegende: Startete ihre Karriere mit dem ESC: Anna Rossinelli Anna Rossinelli

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Autor: Dominique Marcel Iten

Autor: Dominique Marcel Iten

Dominique Marcel Iten ist Online-Redaktor bei Radio SRF 3 und schaut unter und hinter aktuelle Themen der Popkultur und ihre Nebengeräusche.

Twitter: @dominique_iten
Instagram: @domi_iten

Der Eurovision Song Contest ist so etwas wie der Microsoft Internet Explorer der Musikwelt. Es ist so einfach, danach zu treten - und das tun viele auch genüsslich! Aber: Der Internet Explorer ist trotz vieler Schwächen nach wie vor der zweitmeist genutzte Web-Browser weltweit. Und ja, dieses Gleichnis hat ein Ziel: Ähnlich verhält es sich nämlich mit dem Eurovision Song Contest.

Beängstigend fanatische Fans, Fremdscham-Momente und zum Brechen überreizte Heile-Welt-Tralala-Duselei: Die Veranstaltung gibt allen Grund, darüber herzuziehen. Dabei geht aber oft vergessen, dass hinter dem Eurovision Song Contest (von nun an ESC genannt) eine der mächtigsten Musik-Promo-Maschinerien der Welt steckt.

Eurovision als Karrierestart

Stichwort: Abba und Céline Dion. Beide lancierten ihre Weltkarrieren mit einem Sieg am ESC. In jüngster Vergangenheit schaffte das auch Loreen (2012), welche mit «Euphoria» dank des ESC eine Weile lang weltweit die Charts dominierte (19 Platin- und 2 Goldauszeichnungen!).

Eine Teilnahme am Eurovision Song Contest bedeutet nämlich auch eine europaweite Gratis-Promotion. Kein Künstler mit der gewöhnlich eher geringen Bekanntheit der ESC-Teilnehmer könnte sich diese Werbeaktion selbst leisten. Dank des ESC hagelt es bereits vor dem eigentlichen Event millionenfach YouTube-Streams, zusätzliche Radioairplays und Aufmerksamkeit in zig europäischen Ländern. Das allein spült bereits einen beachtlichen Haufen an Urheberrechts-Geldern in die Künstler-Kasse.

Grösser als der Champions League Final

Diesen Sommer habe ich mich zusammen mit knapp 300 Millionen Fussballfans durch das sterbenslangweilige Endspiel Portugal gegen Frankreich gekämpft. Natürlich: Fussball regiert die Welt. Aber: Der ESC folgt dem Fussball knapp auf den Fersen. Die Live-Übertragungen erreichen jeweils 200 Millionen Menschen weltweit. Somit zählt die Musikveranstaltung zu den grössten TV-Shows der Welt.

Zum Vergleich: Den Champions League Final 2016 sahen sich satte 109 Millionen Menschen weltweit an. Nicht einmal ganz grosse Superstars können von sich behaupten, einmal vor 200 Millionen Menschen «live» gespielt zu haben. Wobei sich das «Live» beim ESC einzig auf den Gesang beschränkt.

«  Der ESC bringt dem meist unbekannteren Künstler kostenlos grosses Medieninteresse, ein Millionenpublikum und Urheberrechts-Gelder. »

Gesangliche Qualität entscheidet doch

Der Gesang - eine Tugend, welche die Schweizer Beiträge der letzten Jahre leider jeweils kläglich vergassen. Denn trotz einiger schräger Ausreisser wie Lordi und Chonchita Wurst oder dem grauenhaft aufgesetzten britischen Akzent von Lena Meyer-Landrut gewannen üblicherweise Pop-Darbietungen mit starkem Gesang. Hier sticht der beliebte Vorwurfstrumpf «da muss man nicht singen können» also nicht. Die Siegerbeiträge sind gesanglich stets auf hohem Niveau. Seien das in den letzten Jahren Loreen, Måns Zelmerlöw oder Emmelie de Forest. Und ja, sogar die Wurst überzeugte stimmlich mehr als jeder Schweizer Beitrag der letzten zehn Jahre.

Kein Wunder also, hat sich auch das SRF 3-Publikum bei unserer Umfrage für eine der stärksten Schweizer Stimmen ausgesprochen: Stefanie Heinzmann. Und das wäre wohl nicht einmal so verkehrt. Obwohl ich persönlich für einen Eurovision-Sieg eine andere Variante sehe...

Ich weiss übrigens, wie die Schweiz den ESC gewinnen kann

Es ist ganz einfach: Schlussendlich ist der ESC ein unberechenbares Musik-Chaos mit hohem, aber unterhaltendem Trash-Gehalt. Und trotz ernüchternder Ergebnisse hat bislang keine Schweizer Karriere wirklich darunter gelitten (und wenn, dann war diese so oder so schon auf Abwegen/nicht vorhanden).

Warum also nicht so: Wir schicken DJ Antoine mit einem knalligen Eurodance-Song und lassen Melanie Oesch drüberjodeln, während Beatrice Egli ihr einplastiziertes Grinsen in die Kamera streckt und Rolf Knie auf der Bühne live das Gemälde dazu malt. Irgendwelche Einwände?