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Musik-Blog Die Krux mit dem satirischen Politsong

Politische Songs sind wichtig. Keine Frage. Satirische Politsongs haben jedoch nur noch selten sozialisierende Wirkung. So bleibt der neuste Song «Afrika» des Zürcher Trios Heinz de Specht bloss ein Verständnispflaster für Gleichgesinnte.

Musikvideo: Heinz de Specht «Afrika»

Die Wahlen sind vorbei. Die Wahlkampfthemen weniger präsent. Die politische Lage, die Fragen und die Probleme (mit möglichen und unmöglichen Lösungsansätzen) sind aber noch dieselben. So darf man sich Songs von vor der Wahl auch nach der Wahl noch anhören. Man darf. Man muss nicht. Denn der satirische Politsong hat als Akt der Rebellion ausgedient.

Fertig lustig!

Sei es aktuell «Afrika» von Heinz de Specht, «Tubel Trophy» von Baby Jail (1992/2015) oder Züri Wests «Senne» (1989) – die Wirkung von satirisch bis ironisch gemeinten Politsongs liess über die Jahre mehr und mehr nach und ist heute so gut wie inexistent. Das Problem ist nicht der Song an und für sich, sondern das Publikum.

Ironie funktioniert meistens nur in eingeschworenen Kreisen bzw. unter Ähnlich- und Gleichdenkenden. Und so finden solche Songs oft nur ein politisch gleichgesinntes Publikum. In anderen Worten: Songs wie «Afrika», «Tubel Trophy» oder «Senne» sind allerhöchstens solidarische Trostpflaster.

Natürlich ist an musikalischen Trostpflastern nichts falsch. Doch bin ich der Überzeugung: Wer heute mit einem Song versucht, die Welt zu verändern, sollte den Humor aussen vor lassen und beherzt, engagiert und furchtlos Klartext singen.

Mut zu klaren Ansagen

Wer es heutzutage ernst meint, braucht Mut. Denn: Viel schwieriger als politische Anliegen oder Differenzen mit einem satirischen Beitrag zu verarbeiten, ist es, solche Themen ohne Sarkasmus anzupacken.

Büne Huber zum Beispiel zeigte Mut auf dem letzten Patent-Ochsner-Album im Song «Roubtier»: einer Abrechnung mit Herren des Formats eines Brady Dougan oder Daniel Vasella. Live geht Huber sogar soweit, dass er Vasella auf der Bühne einen «zynischen Motherfucker» nennt.

Damit lässt Büne Huber keinerlei Interpretationsspielraum. Das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, in welcher Bands mehr und mehr zu Animationskapellen verkommen.

Live-Video: Patent Ochsner «Roubtier» (2015)

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

9 Kommentare

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  • Kommentar von christian röthlisberger, langenthal
    chabis. ironie funktioniert nicht nur in irgendwelchen eingeschworenen kreisen, sondern bei gefühlt 20-40% der leute (je nach ironie-quotient). dass sie dort nichts bewirkt resp. nur trostpflaster ist, müsstest du näher begründen. und dich mal mit mani matter beschäftigen. deine these trifft wenn schon auf alle politischen songs zu, insbesondere auch auf den huber-song. den spielt er nur in clubs – wo die leute sehr eingeschworen sind auf ihren mal politischen, dann wieder sülzigen rock-barden.
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    1. Antwort von Gregi Sigrist, BE
      Ich behaupte: Ironie funktioniert nur unter Gleichgesinnten, weil die Ironie darauf aufbaut, dass man sich grundsätzlich versteht. Versuch mal ironisch zu sein bei jemandem, der 180 Grad anders denkt als du. Der versteht dich zwar - aber er versteht dich falsch. Richtig? ;-) lg. Gregi
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    2. Antwort von Yves Siegrist, Seengen
      Ob Ironie verstanden wird oder nicht ist keine Frage der gleichen Gesinnung, wohl viel eher eine der (Sprach)-Intelligenz, Gregi. Es mag durchaus sein, dass gewisse Gruppierungen zu eher verminderter Intelligenz neigen und so die Ironie nicht verstehen. Was vielleicht auch besser so ist, denn Ironie provoziert und trifft tendenziell das Ego der kritisierten. Deshalb ist Ironie kein sehr geeignetes Mittel ist, um vorgefasste Meinungen umzustossen. Ironie WIRKT primär bei gleichgesinnten.
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  • Kommentar von Giachen Capaul, Bever
    Die Radios dürfen diesbezüglich aber auch etwas Eigenkritik üben & Mitschuld übernehmen. Ist ja nicht so, dass es nicht genug solcher Songs gäbe, sie kommen einfach nur zu selten als Single-Auskoppelung daher & haben meist auch mehr Ecken und Kanten als diese. Aber es verbietet ja dem Radio glaubs niemand, sich einen anderen, eigenen Track vom Album auszusuchen. Aber irgendwie ist bei verklärten, zuckersüssen & hyperrealitätsfremden Pop- & Rock-Songs offenbar der Finger légèrer am Play-Button.
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  • Kommentar von Hans, Bern
    Wenn Ihr solche Songs spielt, könnt Ihr auch den SVP-Song spielen. Den es immerhin auf den 6. Platz in der Hitparade geschafft hat. Aber lieber was gegen die SVP als dafür. schräge Welt.
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    1. Antwort von Hansruedi Grunder, Oberägeri
      Die im Artikel gemeinten politischen Songs haben zum SVP Song zwei Unterschiede: erstens sind es nicht Werbesongs für eine Partei, zweitens ist der SVP Song eigentlich ernst gemeint, was ihn zur grossen Realsatire macht!
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