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Musik-Blog Metallica: Endlich wieder Nackenstarre!

Sie waren die härteste Band der Welt und der restlichen Metal-Gemeinde um Lichtjahre voraus. Dann taten Metallica das, was die meisten berühmten Bands tun: Sie begannen zu nerven. Das neue Album «Hardwired...» weckt Hoffnungen und verspricht Besserung. Die Geschichte einer Hassliebe.

Metallica
Legende: Metallica, 2016. PD
Metallica
Legende: Gefährliche Typen: Metallica in jungen Jahren. zvg

Ich war 15. Der Kumpel von der Klasse über mir lud mich ein zu sich nach Hause. Verstohlen und geheimnisvoll holte er das Album hinter seinem Bett hervor. Auf dem Cover ein Soldatenfriedhof, der Bandschriftzug in betonschwerer 3-D-Ästhetik. Es war «Master of Puppets» von Metallica.

Wir waren uns einiges gewohnt, dachten wir. Wir mochten AC/DC, Iron Maiden, Dio, Deep Purple, aber was war das? Das Album beginnt mit einer akustischen(!) Gitarre. Will man uns hier verarschen?

Entwarnung: die Sound-Apokalypse wartet nur wenige Takte entfernt. Der Eröffnungssong «Battery» verwandelt sich im wildesten Schweinsgalopp zu einem Thrash-Metal-Nackenbrecher deluxe und liess sogar uns «harte» Jungs mit roten Ohren zurück. Das war richtig heavy. Metallica waren die härteste Band der Welt. Wir brauchten mehr davon.

Der Schlachtruf meiner Jugend

Ride the Lightning
Legende: Jugendliche Todessehnsucht: Metallica-Album «Ride the Lightning». zvg

Vier gefährlich aussehende Typen, die ihr erstes Album «Kill ‘em All» nannten. Auf dem Cover ein Hammer in einer Blutlache, das war unser Ding. Diese Band appelierte an unsere Teenager-Todessehnsüchte. Elektrischer Stuhl, vom Blitz getroffen, martialische Texte: «Take a look to the Sky, just before you die.» Metallica waren der Schlachtruf meiner Jugend.

Als 1988 «…and Justice for all» erschien, standen wir morgens vor dem Plattenladen Schlange. Und obwohl 1991 mit dem schwarzen Album und der Ballade «Nothing Else Matters» Frauen und Mädchen Metallica entdeckten, mussten wir respektvoll zugestehen: Diese Typen waren allen anderen harten Bands um Lichtjahre voraus. Aber wie alle Rockstars begannen auch Metallica mit zunehmendem Erfolg zu nerven.

In der Sackgasse

Grammy
Legende: Grammies und Millionen: Metallica zvg

Als ich sie zum ersten Mal traf, waren sie bereits untendurch. Wohl irgendwann um die Jahrtausendwende. Drummer Lars Ulrich mit eigenem Masseur backstage im Hallenstadion, Ulrich und Frontmann James Hetfield schon dermassen verkracht, dass sie sich vor den Konzerten nicht gleichzeitig im selben Raum aufhalten konnten und nach der Show sofort in separaten Fliegern in ihre europäischen Lieblingsstädte ausgeflogen wurden (Ulrich: Paris, Hetfield: Amsterdam). Ihre Platten verkauften sich zwar millionenfach. Aber ganz egal, ob Metallica mit einem Orchester ins Studio gingen, Musikdownloads bekämpften, mit Lou Reed kollaborierten oder die Rohheit vergangener Zeiten suchten: Sie befanden sich in einer Sackgasse.

Lars Ulrich sammelte Kunst, sein Ego wurde immer grösser - grösser als sein Talent als Musiker. James Hetfield ging auf Bärenjagd und Gitarrist Kirk Hammett sass im Yoga-Studio. Metallica waren die lächerlichste Band der Welt. Und ihre Platten waren richtig Scheisse geworden.

Die Reha-Phase

Immerhin bewiesen sie Mut, in ihrer grössten Krise den Dokumentarfilm «Some Kind of Monster» zu veröffentlichen. Ein intimes Porträt, das die harten Jungs von einst schonungslos exponierte: Die grösste Metalband aller Zeiten in peinlichen Situationen. Vier schwerreiche, weinerliche Männer, die nur noch via Band-Therapeuten gemeinsam kommunzieren können. Man war hautnah Zeuge, wie eine Band zerfällt.

Mit dem neuen Album «Hardwired….to self destruct» sind Metallica, zumindest musikalisch, wieder in der Spur. Weshab es gleich ein Doppelalbum sein musste, bleibt zwar unklar, denn zuviele Songs sind Füllmaterial. Trotzdem scheint die Rehabilitation anzuschlagen. Metallica haben offensichtlich genug Experimente gemacht.

Nun wollen sie wieder klingen wie vier Büchsenbier trinkende, vernachlässigte Aussenseiter. Das werden sie zwar nie mehr sein, aber immerhin ist der Band wieder eingefallen, wie sie sich das damals anfühlte – und klang.

Autor: Dominic Dillier

Porträt von Dominic Dillier
Legende: SRF

Dominic Dillier ist Moderator und Musikredaktor bei SRF 3. Er berichtet absolut subjektiv, dafür geschmackssicher über Entwicklungen und Tendenzen in der Rockwelt.