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Krokus bei ihrem letzten Schweizer Konzert im Hallenstadion in Zürich
Legende: Krokus bei ihrem letzten Schweizer Konzert im Hallenstadion in Zürich SRF
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Musik-Blog Krokus: Das Ende hatte einen schwierigen Anfang

Was darf man vom letzten Schweizer Konzert von Krokus erwarten? Für mich war vor dem Auftritt der Solothurner im ausverkauften Zürcher Hallenstadion klar: Ich möchte die Halle nach dem Konzert mit einem positiven Grinsen verlassen. Doch dann verging mir das Lachen, bevor ich richtig grinsen konnte.

Nein liebe Leute. So fängt man ein Rock’n’Roll-Konzert nicht an. Krokus entschieden sich für einen ausgedehnten Intro-Film. Nichts, was sie extra für diesen speziellen Abend zusammengestellt hätten. Nein. Krokus setzten ihrem Publikum satte 30 Minuten aus Reto Caduffs Krokus-Dokumentation «As Long As We Live» (2004) vor. Natürlich ist das ein durchaus cooles dokumentarisches Werk. Allerdings dürfte dieser Streifen inzwischen wirklich jeder Krokus-Fan gesehen haben.

Sich für einen solchen Start in den Abend zu entscheiden braucht Eier. Oder aber absolut kein Gespür dafür, was sich Fans von einem Abschieds-Konzert von Krokus versprechen.

Gregi Sigrist

Gregi Sigrist

Musikjournalist für Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen

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Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

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Manchmal frage ich mich, wie wir Krokus wahrnehmen würden, wenn Chris von Rohr und seine Mannen ihr Ding durchgezogen hätten ohne dabei darunter zu leiden, dass die Anerkennung der Band in der Schweiz nicht ihren Vorstellungen entsprach. Krokus war für mich immer die Band, die unbedingt grösser sein wollte als sie war und dies nicht zuletzt weil sie tatsächlich etwas grösser war, als gewisse Leute wahrhaben wollten.

Für das letzte Heimspiel der Solothurner im proppenvollen Zürcher Hallenstadion wünschte ich mir daher einen versöhnlichen Abschied von einer Band, die oft verklärt wurde. Eine Band mit einer Marke, die neben der Bühne fast ausschliesslich von und durch Chris von Rohr definiert wurde.

Ich erinnere mich an die Krokus-Shirts auf dem Schulhof in den 80er-Jahren. An die Geschichten über diese Band, die damals in Amerika … STOP. Es ist 2019. Chris von Rohr (68), Fernando von Arb (66), Marc Storace (68), Mandy Meyer (59), Mark Kohler (66) und der inzwischen zehnte Krokus-Schlagzeuger Flavio Mezzodi (42) stehen vor 13'000 Fans auf der Bühne für ihre letzte Schweizer Show.

Hat die Kiste noch Feuer?

«Are You Ready For Some Crazy Rock’n’Roll», schreit Marc Storace ins Mikro. Mit Crazy Rock’n’Roll hat diese Krokus-Show aber wenig zu tun. Mit solid performten Rocknummern schon eher. Storaces gesangliche Leistung hingegen ist für sein Alter tatsächlich crazy und beeindruckend. Wer diese vokale Kreissäge mit knapp 70 noch abrufen kann, gehört ganz klar in die Spitzenklasse der Rock- und Metal-Stimmen.

Bei Songs wie «Long Stick Goes Boom», «Heatstrokes», «Hellraiser», «Eat The Rich» oder «Easy Rocker», flammte die Energie, die diese Band auf eine Bühne bringen kann streckenweise eindrücklich auf. Songs wie «Tokyo Nights» und natürlich «Bedside Radio» unterstrichen das grandiose Popverständnis der Solothurner.

Fucking Hochleistungssport?

Immer wieder betonte Krokus-Bassist Chris von Rohr im Vorfeld, dass er mit seiner Band auf der Bühne «Fucking Hochleistungssport» betreibe. Nüchtern betrachtet erinnerte der eher statische Auftritt der Band aber kaum an sportliche Höchstleistungen. Ruft man sich jedoch die Jahrgänge der Krokus-Urgesteine in Erinnerung, bleibt am Ende dann doch nur ein Wort: RESPEKT!

Wermutstropfen

Leider sind Krokus mit ihren 45 Jahren Bandgeschichte nicht ganz im Reinen. So schaffte man es nicht den langjährigen und für viele Fans einzig wahren Krokus-Drummer Freddy Steady für ihre letzte Schweizer Show aufzubieten. Nicht einmal als Gast wollte man den bekanntesten von insgesamt zehn Schlagzeugern beim Krokus-Abschied dabeihaben. Schade für die Fans und irgendwie auch für das Image der Band. Hier hätte man von Herren in diesem Alter durchaus eine reifere Leistung oder versöhnlichere Haltung erwarten dürfen.

Und die Tränen?

Ebenfalls keine Einladung für die letzte Schweizer Krokus-Show schienen die ganz grossen Goodbye-Emotionen erhalten zu haben. Zwar durften Krokus vor ihrem grössten Hit «Bedside Radio» eine Standing Ovation geniessen, welche klar machte, dass wir es hier mit einem ganz besonderen Moment zu tun haben.

Das mit Abstand Berührendste an diesem Abend war für mich persönlich aber die unbändige und grundehrliche Spielfreude, die Fernando von Arb mit seinem ganzen Wesen auf die Bühne brachte. Dieser Mann wollte ein Leben lang nichts anderes als Gitarre spielen. Dies hat er immer getan und macht und will es auch heute noch.

Das permanente verschmitzte Zucken in den Mundwinkeln dieses Musikers, entschädigte locker für die leider über weite Strecken fehlende Magie des letzten Schweizer Krokus-Konzerts.

Die wichtige letzte halbe Stunde

Glücklicherweise wissen aber auch Krokus Bescheid über die Wichtigkeit der letzten halben Stunde. Diese nehmen die Fans im Bauch, im Herzen und in der Seele mit nach Hause. Und diese halbe Stunde hat musikalisch und stimmungstechnisch gesessen.

Video
Krokus verabschiedet sich
Aus SRF News vom 09.12.2019.
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20 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Vetterli  (Hanspeter V.)
    Ich und mein Kollege hatten genau die gleiche Wahrnehmung. Der 30(!)-minütige Einspieler war mehr als eine Zumutung und wirkte absolut lieblos inszeniert und nicht wirklich durchdacht. So kann und darf ein Konzert nicht beginnen. Ein cool zusammengestellter Trailer von vielleicht 5 Min. aus den 40 oder mehr Krokus-Jahren hätte dem Anfang besser getan und sicherlich eine gewisse Spannung erzeugt. So blieb das grosse Gähnen und wirklich nur die letzten Songs waren fett und haben überzeugt. Schade.
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  • Kommentar von Doctor Rock  (Dr. Rock)
    Gregi nun also auch Hardrock-Experte, weil er auf dem Schulhof ein paar Jungs im KRKS Shirt gesehen hat. Es scheint, der Junge leidet in seiner Selbstverliebtheit an Wahrnehmungsstörungen, anders kann ich mir das Gepfusche nicht erklären. Es liest sich für mich wie eine vorgefertigte Meinung. Text bereits vor 2 Wochen verfasst und nun etwas modifiziert? Schlampige Recherche: Freddy hätte in ca. 10 J. die Möglichkeit gehabt sich mit den anderen zu versöhnen. Tat dies nicht! Warum nun als Gast?No.
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    1. Antwort von Gregi Sigrist (SRF)
      Ok für dich, wenn ich auf die persönlichen Angriffe nicht eingehe? ;-) Zu Freddy: Es hätte der nicht sehr prickelnden Show gut getan, wenn z.B. Freddys Podest für 1 oder 2 Songs aufgebaut worden wäre. Das wäre ein wirkliches Highlight gewesen für die Fans. Und um die geht es ja bei einer solchen Show. Da dies aber ganz offensichtlich keine Option war - muss man das natürlich akzeptieren. Dass man aber Freddy nicht einmal als Gast (im Publikum) einlädt, finde ich schon sonderbar. Egal, was da alles passiert ist. Ein solches Konzert ist der Moment über den eigenen Schatten zu springen - finde ich ... lg Gregi
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    2. Antwort von Doctor Rock  (Dr. Rock)
      Warum sollte man bei der letzten CH-Show einen Mann auf die Bühne bringen, der seit 10 Jahren nur über Krokus lästert? Willst du demzufolge, dass man das Publikum verarscht, indem man Freddy auf die Bühne holt? Das wäre 0 authentisch! Die Krokus-Tür stand stets offen für Freddy. Es kam kein Wort. Doch wenige Tage vor der Show dann ein selbstmitleidiges Posting auf FB, wo er sich als armes Opfer gibt.
      Und sorry, im Gegensatz zu dir bin ich einer dieser Fans und ich habe Freddy 0 vermisst.
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    3. Antwort von Gregi Sigrist editor
      Weil es eine wirklich gute Überraschung gewesen wäre und die Show zu einer besonderen Show gemacht hätte. Aber das war ganz offensichtlich sowieso nicht die Idee der Band. Schliesslich spielte man auch in etwa die übliche Setlist und tat auch sonst nicht, um aus diesem Abend einen wirklich einzigartigen Abend zu machen. Das ganz war solid - ok - aber mehr nicht ... lg
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    4. Antwort von Doctor Rock  (Dr. Rock)
      Ich brauche keinen falschen Zauber von verkrachten Musikern auf der Bühne. Das schadet einer Show, das bereichert sie nicht.

      Die Setlist ist eine Art Best of - was willst du denn!? Dass sie Zeugs spielen das keiner kennt? Stücke von lahmarschigen Scheiben wie "Change of address" oder was aus den 90ern, das die meisten nie gehört haben? Einzig Headhunter hätte man spielen können, so wie im Ausland üblich. Schweizer wollen halt eher Stomprock-Songs. Die Setlist zu kritisieren ist unsachlich.
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  • Kommentar von Patrik Marty  (pam)
    Genau so habe ich Krokus seit dem Wiedereinstieg von Chris von Rohr und der Reunion-Show im Wankdorf bis zu letzt in diesem Jahr am Sweden Rock Festival (SRF ;-) ) erlebt. Schade, mit dem Backkatalog wäre einiges mehr möglich. Auch wenn ich immer den Hut für den Erfolg den Krokus durchaus hatten, immer ziehen werde, der Abgang war sehr schwach. Siehe auch meine Review zum für mich letzten Krokus Konzert am SRF:
    https://www.metalinside.ch/2019/11/sweden-rock-festival-2019-review-fotos/
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