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Sina leistete über Jahrzehnte Pionierarbeit für Schweizer Mundart-Künstlerinnen. Der Nachwuchs bleibt aber erschreckend klein.
Legende: Sina leistete über Jahrzehnte Pionierarbeit für Schweizer Mundart-Künstlerinnen. Der Nachwuchs bleibt aber erschreckend klein. ZVG
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Musik-Blog Wo sind die Schweizer Mundart-Frauen?

Mundart boomt. Bands wie Hecht oder Lo & Leduc stürmen die Charts und begeistern die Massen an ihren Konzerten. Auch die Mundart-Rap-Szene lebt und spült regelmässig Künstler in den Mainstream. Was seit Jahren fehlt: Eine neue, talentierte und überzeugende Schweizer Mundart-Frau. Wieso eigentlich?

Macht man eine Liste mit Schweizer Mundart-Sängerinnen, startet man wahrscheinlich mit Namen wie Sina, Natacha, Sandee oder Vera Kaa. Weitet man das Genre aus, landet man bei Big Zis, Steff La Cheffe oder vielleicht sogar 11ä. Danach kommen womöglich Namen wie Sophie Hunger, die ja auch regelmässig Mundart singt. Mia Aegerter? Ja. Da war mal was. Kisha? Ja, die hat bei Reto Burrells Projekt-Band C.H. Mundart gesungen.

Gregi Sigrist

Gregi Sigrist

Musikjournalist für Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen

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Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

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Wer noch?

Fabienne Louves? Klar. Da war einiges. Vor allem aber «Hemmigslos liebe». Salome Clausen? Stimmt. Die Gewinnerin der zweiten «MusicStar»-Staffel hüpfte 2005 mit «Gumpu» auf Platz eins der Schweizer Hitparade. Ach. Und Steiner & Madlaina haben mit «Herz vorus id Wand» auch einen Mundartsong im Repertoire.

War’s das?

Nein. Das war es noch nicht. Vor ein paar Jahren dachte ich, dass die Chamerin Simone Baumann mit ihrem Projekt «Moni und die Luftpost» den Grundstein für eine vielversprechende Mundart-Karriere legen würde. Leider ging die Post dann aber nicht wirklich ab. Einen tollen Flirt mit der Mundart wagte auch die Berner Band Colibri. Dem Nebenprojekt von Patent Ochsner-Gitarrist Disu Gmünder und seiner Partnerin Nicole Wiederkehr steht die Mundart ausgezeichnet. Wahrgenommen wurde das ausserhalb von Bern aber leider kaum. Und gerade in den Startlöchern ist die Bündnerin Fiona Cavegn mit rätoromanischen Songs.

Das alles ist wenig. Zu wenig, um davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren eine Handvoll Frauen im Mundartbereich Hecht, Lo & Leduc oder Nemo ernsthaft Konkurrenz machen könnten.

Fehlt der Mut?

Wer in seiner Muttersprache vor heimischem Publikum singt, ist nackt. Das wissen alle, die diesen Schritt gewagt haben. Ganz egal, ob sie dabei abgestürzt oder durchgestartet sind. Abgesehen von der Schlagerabteilung singen Mundartstimmen direkt und schutzlos an die Herzen ihrer Zuhörer heran. Prallen ihre Texte an diesem Organ ab, kann es schmerzhaft werden.

Sitzt die Angst vor der möglichen Ablehnung in Schweizer Künstlerinnen zurzeit noch tiefer als bei ihren männlichen Kollegen? Irgendwie kann ich mir das fast nicht vorstellen. Erklären, wieso kaum jemand probiert, diese attraktive und grosse Marktlücke zu füllen, allerdings auch nicht. Es kann aber einfach nicht sein, dass man bei einer Suche nach aktuellen Schweizer Mundart-Frauenstimmen dermassen schnell bei Reissbrett-Mundartproduktionen wie «Härz» landet.

Fehlen die Vorbilder?

Abgesehen von Sina, Dodo Hug, Steff La Cheffe oder Sophie Hunger gibt es im kommerziellen Mundart-Pop-Bereich kaum Frauen, die neuen Talenten als Leuchttürme dienen können. Dies kann als Problem oder als unglaublich grosse Chance angesehen werden. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die Schweiz auf solche Frauen wartet. Ebenso sicher bin ich mir, dass es diese Frauen gibt. Sie müssen aber von ihrem Material so überzeugt sein, dass sie bereit sind, damit zu scheitern.

Solche Künstlerinnen könnten mit Sina Kaffee trinken und über den steinigen Weg zum Erfolg und den erlösenden Pfad zu sich selbst reden. Sie könnten mit Steff La Cheffe abhängen und über gesunden Ehrgeiz und den Umgang mit Selbstzweifeln sprechen. Sie könnten sich mit Kabarettistin Hazel Brugger darüber unterhalten, wie man als Frau eine Bühne einnimmt – und ob man sich bei diesem Gespräch überhaupt über das Thema «Frau sein» austauschen muss.

Wie auch immer. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Moment, wenn die erste Schweizer Mundart-Sängerin das Hallenstadion füllt. Nicht mit einer cleveren Marketingstrategie. Nein. Mit ihren Songs. Mit der Kraft ihrer Songs und der damit verbundenen Präsenz, die diese Künstlerin ausmacht.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Chris 4000  (Chris 4000)
    Gina Eté z.B. https://youtu.be/tdN_ive5IA0
    Aber
    a) Hallenstadion muss nicht sein
    b) ausschliesslich Mundart singen ist doch von gestern
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    1. Antwort von Gregi Sigrist (SRF)
      Ja. Das ist cool. Bin gespannt was hier noch so kommt ... lg Gregi
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  • Kommentar von Lilian Albis  (...)
    Genau diese Gedanken habe ich mir letzthin auch gemacht. Da kam mir noch Gigi Moto in den Sinn. Aber auch sie ist ja beileibe keine Newcommerin.

    Zu erwähnen wären da auch noch Evelinn Trouble und Heidi Happy

    Und vor ein paar Jahren habe ich als Vorband von Junip die sensationelle URSINA entdeckt. Sehr empfehlenswert, aber sicher nicht Hallenstadiontauglich ;-)
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    1. Antwort von Gregi Sigrist (SRF)
      Das mit dem Hallenstadion ist hier eher eine Metapher für den Durchbruch. Sophie Hunger würde auch kein Hallenstadion füllen - ist aber eine brillante Künstlerin, die stetig an ihrer Karriere gearbeitet hat, spannend blieb und sich dadurch eine grosse Fan-Gemeinde erarbeitet hat. Darum geht es mir. Um Leute - hier um Frauen, die auf Mundart singen - die dranbleiben und einen konsequenten Weg gehen mit ihrer Kunst ... lg Gregi
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  • Kommentar von Marc Aeschlimann  (Marc Aeschlimann)
    Das mit dem Mut könnte passen.
    Mundartunabhängig: Ich habe ein privates Musikprojekt/-Experiment lanciert und einen Videoclip MusikerInnen zur Verfügung gestellt, ich konnte nebst 10-12 Musikern keine einzige Frau dafür gewinnen. Die meisten haben schon gar nicht geantwortet auf Anfragen. Keine Ahnung wieso. Vielleicht haben Musikerinnen wirklich etwas mehr Angst vor dem Scheitern, was sehr schade wäre.
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